Wikipedia – vor 25 Jahren eine Utopie mit unförmigem Namen: eine Wissensintelligenz, getragen durch die Schwarmintelligenz, freiwillig geteilt, kostenlos und werbefrei zu nutzen. Jeder, der etwas weiß, kann beitragen – das war die Idee von Gründer Jimmy Wales. Es ist keine akademische Bildung nötig und die Online-Enzyklopädie behandelt auch Themen, die bis zu diesem Zeitpunkt in klassischen Enzyklopädien niemals aufgetaucht wären.
Eine der wichtigsten Wissensquellen unserer Zeit
Was in den Ohren des klassischen Wissenschaftsbetriebs zu Beginn wie ein Scherz klang, ist in 25 Jahren zu einer der wichtigsten Wissensquellen unserer Zeit gewachsen. Mehr als 60 Millionen Artikel in mehr als 300 Sprachen werden täglich von fast 130 Millionen Besuchern angesurft: eine der meistbesuchten Websites der Welt. Die deutsche Ausgabe ist nach eigenen Angaben mit mehr als 3,1 Millionen Artikeln die drittgrößte Wikipedia-Ausgabe.
Umstrittene Artikel zu Jesus Christus und 11. September 2001
Derzeit schreiben nach Angaben des Online-Lexikons rund 5.500 Autoren jeweils mindestens fünf Mal im Monat bearbeitend an Artikeln der deutschen Wikipedia mit. Denn viele Artikel werden immer wieder berichtigt, aktualisiert, und die Bearbeitungen werden zum Teil heftig diskutiert.
Laut einer Studie der Universität Oxford aus dem Jahr 2013 waren die Artikel „Jesus Christus“ und „Verschwörungstheorien zum 11. September 2001“ die damals umstrittensten.
Der 11. Vorname des Karl-Theodor zu Guttenberg
Um die Aussagen, die laut Wikipedia „ausgewogen, neutral und allgemeinverständlich“ sein sollen, in den Artikeln zu belegen, werden zu Kernaussagen reputable Nachweise herangezogen, zum Beispiel Presseberichte, Literaturangaben oder Ähnliches.
Das funktioniert meist, aber nicht immer: So wurde 2009 zum Beispiel dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mit „Wilhelm“ von einem Scherzbold bei Wikipedia ein 11. Vorname hinzuerfunden und einige Medien, die die Wikipedia-Angaben ohne Recherche beim Minister übernommen hatten, tauchten prompt als Beleg unter dem Artikel auf.
Ehrenamtliche Arbeit als Grundlage für KI-Profit
Aktuell droht der Online-Enzyklopädie aber viel größerer Schaden: die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI). Denn der freie Zugang zum Wissen in der Wikipedia ist die Trainingsgrundlage für vielerlei Antworten von ChatGPT und Co. Doch daraus resultieren gleich drei große Probleme. Die KI nutzt das Wissen, das viele ehrenamtlich zusammengetragen haben, und verursacht Serverkosten – für den Profit der KI-Firmen.
Zum Zweiten nutzen viele Menschen inzwischen nur noch die KI-Antworten. Statt die Seiten der Wikipedia direkt zu lesen, bekommen sie teils halbgare Zusammenfassungen und ergänzte, ja frei erfundene Antworten der KI. Fachleute sprechen davon, dass die KI „halluziniert“. Und diese zum Teil falschen Aussagen finden durch überzeugte Nutzer ihren Weg zurück ins Online-Lexikon.
Viel Arbeit durch die KI-„Wissens“-Flut
Die Wikipedia-Community muss diese KI-„Wissens“-Flut mühsam verifizieren und ausfiltern. So hat beispielsweise Wikipedia-Administrator Harald Krichel jeden Tag mit den wachsweichen KI-Formulierungen zu tun. „Da ist eine Formulierung, die ist so wieselig, so unverbindlich“, sagt er. Da würde eine Bewertung nicht einem Medium zugeordnet, sondern da stehe einfach ‚Medien beurteilen den Film als ausgewogen und gut recherchiert‘. „Dann bin ich mir ganz sicher, dass das kein Mensch formuliert hat.“
KI eine der großen Gefahren für das Online-Lexikon
Letztlich nutzt die KI nicht nur die Arbeitsallmende der vergangenen 25 Jahre der Wikipedia-Community für den eigenen Profit, sondern schadet ihr auch noch: Sie verfälscht das verifizierte Wissen und damit letztlich die Grundlage für kommende Antworten.
Und das alles in einer Geschwindigkeit, bei der die Community kaum noch hinterherkommt, die künstliche Intelligenz durch menschliche zu berichtigen.

