Wenn es um den Aufbau eines leistungsfähigen Verteidigungssektors geht, dann nutzen bisher weder Deutschland noch Europa ihre industriellen Potentiale. Das ist das ernüchternde Fazit von Lippold von Oldershausen, dem Gründer des renommierten Munich Security Breakfast zur derzeitigen Lage der Rüstungsindustrie. Im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums ist er einer der Köpfe hinter der Initiative „Defence Alliance“. Sie soll künftig Kompetenzen bündeln, die bisher nebeneinander existieren, und Entscheidungsträger zusammenbringen, die bisher oft gar nichts von der Existenz und dem Partnerschaftspotential des jeweils anderen wissen.
Textilhersteller sprechen mit Simulationsspezialisten
Erste Beispiele für eher unerwartete Gespräche gab es gleich bei der Auftaktveranstaltung in der Münchener Wappenhalle. So tauschten Vertreter von Firmen Visitenkarten aus, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Nicole Prell, Chefin von Schöffel TEC, der Militär- und Behördensparte des bayerischen Outdoorherstellers, sagte dem BR, sie habe sich gerade mit einem Spezialisten für Simulationssysteme vernetzt. Denn auch im Training könnte man zum Beispiel Uniformen für Spezialeinheiten unter realitätsnahen Bedingungen testen.
Zu viel Bürokratie, zu langsame Prozesse
Am Ende, so hieß es bei der Auftaktveranstaltung, müsse man es schaffen, zuverlässige Lieferketten aufzubauen, die nicht nur leistungsfähig sind, sondern auch so resilient, dass sie in Krisensituationen nicht zusammenbrechen. Dabei soll es nicht nur um klassische Rüstungsgüter gehen, sondern auch um Know-how und Produkte aus den Feldern Elektronik, Sensorik, Software, Maschinenbau und Logistik. Das Ziel: Der Weg von der Idee über einen Prototyp und ein einsatzfähiges Produkt bis hin zur Massenfertigung soll deutlich weniger Geld und Zeit verschlingen.
Das liege aber nicht nur in der Hand der Industrie, hieß es unisono von Teilnehmern. Maximilian Epp, Verteidigungsexperte bei der IHK für München und Oberbayern, sagte dem BR, die Beschaffungsprozesse der Bundeswehr seien trotz aller anderslautenden Ankündigungen immer noch sehr kompliziert und zeitraubend. Zudem dauere es viel zu lange, bis Unternehmen und potentielle Mitarbeiter die behördlich vorgeschriebenen Sicherheitsüberprüfungen durchlaufen. Grundsätzlich begrüße er aber die Anstrengungen der Bundesregierung, gerade junge Unternehmen mit etablierten Firmen zu vernetzen.
Start-ups übernehmen Traditionsfirmen
Einen anderen Weg gehen einige Start-ups aus dem Münchener Raum, die dank milliardenschwerer Finanzierungsrunden viel Kapital zur Verfügung haben und damit auf Einkaufstour gehen können. So übernahm im vergangenen Jahr Helsing den traditionsreichen Allgäuer Flugzeugbauer Grob Aircraft. An dessen Standort Tussenhausen will Helsing unter dem Namen CA-1 Europa einen unbemannten Kampfjet entwickeln und bauen. Der Drohnenspezialist Quantum Systems aus Gilching wiederum nutzt Hangars des insolventen Flugtaxi-Spezialisten Lilium in Oberpfaffenhofen, um dort ebenfalls ein Flugzeug zu entwickeln. Die Maschine soll sowohl bemannt als auch autonom einsatzfähig sein. Die Ingenieure für das ambitionierte Projekt warb Quantum nach BR-Informationen unter anderem vom Kleinflugzeughersteller Diamond Aircraft ab.

