Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay sowie die EU haben sich einiges vorgenommen: Über 90 Prozent aller Zölle sollen in den nächsten Jahren wegfallen für Güter, die den Atlantik zwischen diesen Ländern überqueren. Rund 700 Millionen Menschen wären davon betroffen.
Reaktionen fallen unterschiedlich aus
Die Reaktionen auf die Einigung der EU-Vertreter in Brüssel Anfang Januar fallen unterschiedlich aus: Während die Wirtschaft den Abbau von Handelshürden feiert und sich auf größere Absätze in Südamerika freut, sorgen sich Landwirte hierzulande. Sie befürchten einen gnadenlosen Preiskampf. Umweltschützer warnen vor einer Verwässerung von Qualitätsstandards und Umweltauflagen.
Doch was bedeutet das neue Freihandelsabkommen für die Verbraucher? Da die betroffenen Länder in der Vergangenheit vor allem Agrarprodukte in die EU importiert haben, müsste sich die Freihandelszone langfristig an der Supermarktkasse bemerkbar machen. Oder?
Produkte mit Obergrenze für zollfreien oder -reduzierten Import
Eines vorweg: Eine pauschale Antwort auf die Frage, was die Verbraucher davon haben, gibt es nicht, ebenso wenig wie genaue Vorhersagen zur Preisentwicklung von einzelnen Waren wie Fleisch. Allein schon, weil mit dem Abkommen nicht pauschal eine zollfreie Zone für alle Produkte geschaffen wird. Für bestimmte Produktgruppen soll es lediglich Kontingente geben, auf die dann geringere oder gar keine Zölle entfallen.
Exportieren die beteiligten Mercosur-Staaten mehr als die vereinbarten Mengen in die EU, fallen darauf höhere Zolltarife an. Konkret betrifft diese Regelung etwa Rindfleisch, Geflügel, Zucker, Honig und Reis. Aber auch Ethanol, das in der chemischen Industrie zum Einsatz kommt, soll nur in Kontingenten zu geringeren Zöllen importiert werden.
Andere Freihandelsabkommen zeigen: Preissenkungen sind möglich
Aus der Erfahrung mit anderen Freihandelsabkommen lässt sich aber eine Tendenz ableiten. „Die Verbraucher sollten durch Freihandelsabkommen auf beiden Seiten bessergestellt sein“, sagt Mario Larch, Professor für empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Bayreuth.
Die Forschung habe gezeigt, dass sich Freihandelsabkommen positiv auf das reale Konsummaß – also das Verhältnis zwischen Kaufkraft und Preisniveau – auswirken.
Freihandelszone könnte sich gleich mehrfach auswirken
Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen den offensichtlichen Effekt, dass der Zollabbau direkt, quasi als Preisrabatt, an die Endkunden weitergereicht werden könnte. Daneben könnte es aber auch noch zu Sekundäreffekten kommen: Denkbar sei zum Beispiel, dass sich die Länder auf bestimmte Produkte spezialisieren, die sie besonders effizient produzieren können – und diese dann entsprechend billiger am Markt anböten, erklärt Larch.
Insgesamt zeige die Empirie, dass Freihandelsabkommen die Handelsströme zwischen den Regionen massiv ankurble und die Produktvielfalt für die Verbraucher vergrößere, so Larch. Gleichzeitig betont er: „Es gibt nicht nur Gewinner“. Die Sorge der Landwirte sei deshalb durchaus nachvollziehbar.
Auch umgekehrte Folgen sind nicht ausgeschlossen
Gleichzeitig könnte das Freihandelsabkommen aber auch gegenteilige Effekte mit sich bringen: Beispielsweise könnte eine gestiegene Nachfrage im Ausland – etwa nach deutscher Technik oder pharmazeutischen Produkten – dazu führen, dass die Preise für solche Produkte steigen, erklärt der Ökonom Mario Larch.
Außerdem bleibe abzuwarten, ob die frei werdenden Mittel durch die gestrichenen Zölle auch wirklich an die Endkonsumenten weitergegeben werden, sagt Samina Sultan. Sie ist Expertin für europäische Wirtschaftspolitik und Außenhandel am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). „Es kommt da auf die Preis- und Nachfragelastizität an“, so Sultan – also darauf, ob die Konsumenten bereit sind, höhere Preise zu zahlen oder nicht. Je nachdem gäben Importeure und Zwischenhändler die Preise eher weiter – oder auch nicht.
Geduld ist gefragt
Nachdem EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen das Abkommen unterzeichnet hat, muss das EU-Parlament noch abstimmen. Und selbst wenn es beschlossen wird, müssen die Verbraucher noch viel Geduld aufbringen, bis mögliche Auswirkungen zu spüren sind. Denn: Die Zölle sollen über längere Zeiträume abgebaut werden.
Der Plan sieht für Kontingente von Geflügel, Honig oder Reis einen Zeitplan von fünf Jahren vor, bis sie voll in Kraft treten. Bei anderen Produkten sind die Zeiträume sogar noch länger. Bis dann der Effekt messbar ist, dauert es wiederum Jahre: „Zehn bis 15 Jahre sagt man, bis die Wirkungen von so einem Handelsabkommen voll angekommen sind“, sagt Experte Larch.

