Babyboomer könnten in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren den Immobilienmarkt mit ihrem Wohneigentum fluten. Denn: Die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1946 und 1964 besitzen viel im Freistaat: 29,8 Prozent aller Eigentumsimmobilien in Bayern sind nach Angaben der Immobilienplattform Jacasa in Babyboomer-Besitz [externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt].
So hoch ist der „Silver Tsunami Index“
Bundesweit kommt Jacasa im sogenannten „Silver Tsunami Index“ auf 32 Prozent. Der Begriff „Silver Tsunami“ wird für dieses Phänomen zwar genutzt, aber zugleich auch von Immobilienexperten kritisiert, da es sich nicht um den einen Schockmoment handele, sondern sich der Effekt über einen längeren Zeitraum strecke.
Mit zunehmendem Alter werden viele Häuser und Wohnungen frei. Das könnte das Angebot auf dem Markt deutlich erhöhen, löst aber auch Unbehagen aus, wie bei einer 29-jährigen Passantin in München: „Es ist interessant, wie sich das anhört, weil meine Eltern zu dieser Generation gehören, und man damit ein Stück weit auf das Ableben der eigenen Eltern wartet.“
Eigentum in bayerischen Städten: Für viele kaum bezahlbar
Die Realität auf dem Immobilienmarkt ist für junge Menschen ernüchternd. Hohe Preise und ein knappes Angebot prägen vor allem die großen Städte. Viele haben das Gefühl, dass Wohneigentum beispielsweise in München kaum noch realistisch ist – insbesondere für Familien. „Wenn man sich hier in der Stadt was kaufen möchte, das sind ja utopische Preise“, berichtet Lehrerin Bianca Schindler. Der 35-jährige Patrick Gressung erzählt, er und seine Partnerin würden beide in gesicherten Jobs arbeiten und trotzdem sei Eigentum in dem Viertel, in dem sie aktuell wohnen, nicht finanzierbar.
Eine andere Frau schildert, sie könne mittlerweile an einer Hand abzählen, wer in der Situation mit einem kleinen Kind noch in München wohnt. Trotzdem ist der Wunsch nach den eigenen vier Wänden da: Die 19-jährige Studentin Carlotta Keyserlingk sagt BR24, ein Traum sei es schon und sie denke auch darüber nach, dass es ganz schön wäre, etwas Eigenes in der Landeshauptstadt zu haben. In München würde sie sehr gerne bleiben, dort sei sie auch aufgewachsen.
Der gleichalte Gregor Stöhr ist allerdings nicht zuversichtlich, dass das realistisch ist: „Wenn man sich vor allem in München mal die Möglichkeiten anguckt: schwer.“ Dabei träumt auch er von Wohnraum, der ihm selbst gehört, den er selber gestalten kann, Unabhängigkeit von Vermietern.
Experten dämpfen Erwartungen
Dass die Immobilien der Babyboomer die Preise in den Städten deutlich senken werden, halten Fachleute für unwahrscheinlich. Der Wirtschaftswissenschaftler Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft sieht zwar eine leichte Entspannung durch mehr Angebot, aber keinen Preiseinbruch. Die Nachfrage in Städten wie München, Nürnberg oder Augsburg sei weiterhin so hoch, dass maximal mit einer Verlangsamung der Preissteigerung zu rechnen sei – wenn überhaupt.
Professor Tobias Just von der Stiftung für Immobilienwirtschaft IREBS an der Universität Regensburg ist etwas optimistischer: „Es ist davon auszugehen, zusätzliches Angebot wirkt preisdämpfend, vielleicht sogar preissenkend.“ Seiner Ansicht nach wirkt der silberne Tsunami auf jeden Fall entspannend, weil er ein zusätzlicher Effekt sei. Er rechnet vor, dass es sich um etwa vier bis fünf Millionen Immobilien handele, die in den nächsten zwei Jahrzehnten veräußert werden könnten.
Viele Immobilien bleiben in der Familie
Viele Objekte könnten allerdings gar nicht erst auf den freien Markt kommen. Stattdessen werden sie innerhalb der Familie vererbt. Einige junge Menschen befürchten deshalb, ohne entsprechende Kontakte kaum Chancen auf Eigentum zu haben, egal ob auf dem Land oder in der Stadt.
Ann-Christin Krepp, Angestellte im Einkauf, vermutet: „Auch wenn es irgendwie interessant ist, ins Ländliche zu ziehen, hat man eigentlich gar keine Chance, da irgendwie ranzukommen, weil alles über Generationen hinweg weggegeben wird. Das Gleiche ist auch mit den Immobilien, die auch im städtischen Bereich frei werden und vielleicht auch wirklich preislich noch interessant sind, die werden alle unter der Hand weitergegeben.“ Die 20-jährige Wirtschaftspsychologiestudentin Emma Lindhofer befürchtet außerdem, dass die Stadt viele Wohnungen abgreifen könnte, wenn die Babyboomer-Generation „das Zeitliche segnet“.
Der Inhaber des Lehrstuhles für Immobilienwirtschaft Just berichtet allerdings von einer dynamischeren Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten. Kinder würden sehr häufig nicht mehr am selben Ort wie die Eltern wohnen und das bedeute: Sie werden die Immobilien nicht einfach neu bewohnen, weil sie ja nicht am selben Ort sind. Neben Vermietung hält er es deshalb für wahrscheinlich, dass möglicherweise doch verkauft wird. Das durchschnittliche Erwerbsalter liegt laut dem Regensburger Wissenschaftler um die 40 Jahre.
Ländliche Regionen profitieren stärker
Just warnt aber auch: Der Effekt werde regional sehr unterschiedlich ausfallen. Während in Ballungsräumen der Einfluss gering bleibe, könnten ländliche Regionen stärker profitieren. Wer flexibel ist, hat dort bessere Chancen auf günstigere Immobilien.
Martin Voigtländer vom Institut für Deutsche Wirtschaft geht noch weiter und spricht von einer zunehmenden Spaltung zwischen Stadt und Land: „Meine Einschätzung ist, es gibt mehr Vererbungen auf dem Land, in ländlichen Regionen, und viele Menschen, auch junge Menschen, wollen aber eher in die Städte ziehen. Das heißt, wir werden tendenziell ein größeres Angebot in ländlichen Regionen sehen und eine stärkere Nachfrage in den Städten mit entsprechenden weiteren Preisverschiebungen. Also auch das zahlt darauf ein, dass sich die Preisdifferenzen noch erweitern.“
Traum vom Eigenheim lebt weiter, aber nicht mehr entscheidend
Trotz aller Herausforderungen bleibt der Wunsch nach den eigenen vier Wänden bei vielen jungen Menschen bestehen. Auch in München geben sie die Hoffnung nicht auf – so wie Bäckereiverkäufer Leonel Manana Veloso, der für seine Familie mit einjährigem Sohn auf ein Eigenheim spart. „Ich glaube, ich kann das schaffen“, sagt der 33-Jährige.
Gleichzeitig erzählt ein Passant, dass die Hemmschwelle in seinem Umfeld gesunken ist, weiter in Miete zu wohnen. Dadurch sei man flexibler, umzuziehen, was seiner Meinung nach ein größeres Bedürfnis geworden sei, als zu kaufen. Auf den Silver-Tsunami-Effekt zu warten, dazu raten die Experten Just und Voigtländer jedenfalls nicht.

