Kurz vor Weihnachten, so schildern es Beschäftigte der „Süddeutschen Zeitung“ (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt), stand über einer Betriebsversammlung in Höllriegelskreuth ein sperriges Wort: „Redimensionierung“. Gemeint war offenbar ein Schrumpfkurs. Denn der Industriegaskonzern Linde will in seiner Anlagenbau-Sparte „Linde Engineering“ wohl bis zu 400 Stellen abbauen. Neben Höllriegelskreuth in der Nähe von München ist auch Dresden betroffen. Bei „Linde Engineering“ werden Anlagen für die Aufbereitung, Trennung und Verflüssigung von Gas hergestellt.
Wenig Konkretes zum Stellenabbau bei Linde
Dass es zwei deutsche Standorte trifft, die beim weltweit führenden Hersteller von Industriegasen seit Jahrzehnten für Ingenieurs- und Anlagenbaukompetenz stehen und in ihrem Segment dreistellige Millionengewinne einfahren, erklärt sich nicht auf den ersten Blick.
Auf BR-Anfrage erklärte das Unternehmen knapp, der Anlagenbau sei einem „intensiven und zunehmenden internationalen Kosten- und Technologiewettbewerb“ ausgesetzt. Das erfordere eine „kontinuierliche Anpassung“ von Organisation und Ressourcen. Man arbeite „eng und konstruktiv mit dem Betriebsrat und den Arbeitnehmervertretern zusammen“ und wolle sicherstellen, „dass betroffene Mitarbeiter klare Informationen und angemessene Unterstützung erhalten“. Zu konkreten Zahlen oder Zeitplänen äußere man sich grundsätzlich nicht. Auch der Betriebsrat wollte sich mit Verweis auf die laufenden Gespräche nicht äußern.
Milliardengewinne und Stellenabbau: Wie geht das zusammen?
Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist heikel. Denn erst in der vergangenen Woche präsentierte Linde starke Geschäftszahlen. Der weltweite Umsatz stieg im vergangenen Jahr trotz stagnierender Absätze um drei Prozent auf knapp 34 Milliarden Dollar. Der bereinigte operative Gewinn wuchs sogar um vier Prozent auf 10,1 Milliarden Dollar. Und für das laufende Jahr stellte der Konzern ein weiteres Wachstum in Aussicht.
Wie passt dazu ein harter Einschnitt in Deutschland? Ein Schlüssel liegt in der Struktur des Konzerns: Seit der Fusion mit dem US-Konzern Praxair im Jahr 2018 ist Linde ein global aufgestellter Industriegas-Riese. Das Kerngeschäft – die Lieferung von Gasen wie Sauerstoff, Stickstoff oder Wasserstoff, oft über langfristige Verträge – gilt als vergleichsweise stabil und margenträchtig. Der Anlagenbau dagegen ist ein Projektgeschäft: Aufträge und Investitionen kommen in Wellen und werden – wie nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine vor vier Jahren – teils verschoben oder ganz abgesagt. Auch ist die Konkurrenz über den Preis international besonders hart.
Linde Engineering hinkt hinterher
Genau das zeigen auch die aktuellen Quartalszahlen: Während das Geschäft in Amerika im vierten Quartal 2025 um acht Prozent wuchs und die Region Europa/Naher Osten/Afrika um sechs Prozent zulegte, rutschte die von Deutschland aus geführte Sparte Linde Engineering leicht ab. Der Umsatz sank im vierten Quartal um zwei Prozent auf 615 Millionen Dollar.
Für die deutschen Standorte ist das mehr als eine Konjunkturmeldung. Höllriegelskreuth bei München steht traditionell für Planung und Projektierung, Dresden gilt als wichtiger Engineering-Standort – auch mit Blick auf Zukunftsthemen der Energiewende. Umso größer ist die Sorge, dass aus einer „Anpassung“ eine dauerhafte Verkleinerung werden könnte.
Schweigen zu den Deutschland-Plänen von Linde
Soweit muss es nicht kommen. Denn insgesamt wirtschaftet Linde in Deutschland und Europa hoch profitabel. Daher hoffen die betroffenen Unternehmensteile, dass es an anderer Stelle weitergehen könnte oder der wahrscheinliche Stellenabbau ein einmaliger Schritt sein könnte, um Überkapazitäten im Projektgeschäft abzubauen.
Klarheit muss jetzt von Linde kommen. Der Ball liegt in der irischen Hauptstadt Dublin, dem Konzernsitz seit der Praxair-Fusion. Denn auch das nehmen die Mitarbeitenden in Höllriegelskreuth wahr: Seit der Hauptsitz nicht mehr in München liegt, ist nicht nur die geografische Distanz zur Unternehmensleitung deutlich größer geworden. Manch ein Mitarbeitender sprach heute von einem „großen Bruch“, der mit der Praxair-Fusion durch das Unternehmen gegangen sei. Die Zahlen seien gut, das Miteinander aber habe stark gelitten.

