In den Hallen des Münchner Messegeländes herrscht trubeliges Durch- und Nebeneinander: Bäcker schwingen ihren Teig mit gekonnter Handbewegung zu Brezen, daneben zeigen Steinmetze ihre Künste, und etwas weiter stellt ein Betrieb seine jüngste Innovation in Sachen Solaranlagen vor. Es liegt ein gewisser Stolz in der Luft: Stolz auf das eigene Handwerk, die eigene Zunft, das eigene Können. „Ich erschaffe Dinge und sehe danach, was ich gemacht habe“, sagt Niko Ortner, der gerade seine Ausbildung zum Fliesenleger macht.
Wirtschaftsverbände besprechen Herausforderungen mit Kanzler
Während die Handwerker und Geschäftsleute den Besuchern der Internationalen Handwerksmesse ihren Beruf näherbringen, findet am dritten Tag der Messe hinter verschlossenen Türen ein Gespräch zwischen den Vertretern der deutschen Wirtschaftsverbände und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) statt. Dort dürfte es deutlich ernster zugegangen sein als auf der Handwerksmesse.
Denn auch die positive Stimmung in den Messehallen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Handwerk – genauso wie die gesamtdeutsche Wirtschaft – vor großen Herausforderungen steht: Der Irankrieg sorgt für enorme Spitzen bei den Energiepreisen, der Handelskonflikt zwischen Europa und den USA trägt nicht gerade zu wirtschaftsverträglichen Preisen bei und dann wäre da noch das große Sorgenkind der Betriebe: der Nachwuchsmangel.
Forderung: Arbeit muss wieder billiger werden
Für den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und den Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDK) steht deswegen fest: Die Bundesregierung muss an den Stellschrauben drehen, die sie selbst beeinflussen kann. Konkret bedeutet das für die Wirtschaftsverbände: Arbeit muss wieder billiger werden – und zwar durch eine Absenkung der Lohnnebenkosten, also etwa die Beiträge zur Kranken- und Rentenversicherung.
„Wir erleben im Moment ständig steigende Lohnnebenkosten“, moniert der Präsident der Arbeitgeberverbände, Rainer Dulger. „Das sind alles falsche Signale, um eine Wirtschaft zu stärken.“ ZDH-Präsident Jörg Dittrich betont: Das deutsche Sozialsystem sei ein Standortvorteil. Aber: „Wenn es uns abwürgt, dann findet Wirtschaft gar nicht statt“ – und wo keine Leistung stattfindet, fließe auch kein Cent in die Sozialsysteme.
Forderung: Sozialsysteme reformieren
Eine Reform des Sozialversicherungssysteme müsse her, sagt Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Nur so könne man die schleichende Abwanderung von Industrie und Investitionen ins Ausland bremsen, pflichtet der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Peter Leibinger, bei. Doch die Verbandspräsidenten betonen: Für alle soll so mehr übrigbleiben – für die Arbeitgeber genauso wie für die Arbeitnehmer.
Bei Bundeskanzler Merz scheinen die vier Herren mit der Forderung auf offene Ohren zu stoßen: Man wolle seinen Beitrag dazu leisten, dass Deutschland wettbewerbsfähig bleibe, indem man eine Reform der sozialen Sicherungssysteme auf den Weg bringe, verkündet der Kanzler nach dem Spitzengespräch mit den Wirtschaftsverbänden. Wie genau diese Reform aussehen soll – diese Antwort bleiben die Wirtschaftsverbände und auch Bundeskanzler Merz zunächst schuldig.
Weniger Sozialleistungen? Handwerker uneins
Fest steht: Weder das deutsche Gesundheits- noch das Rentensystem haben großen finanziellen Spielraum. „Ich bin da ein bisschen skeptisch“, sagt Sebastian Dögerl, der einen Stand in unmittelbarer Nähe zu der Pressekonferenz betreut. Dögerl ist gelernter Kaminkehrermeister und arbeitet im Außendienst bei einem Industrievertreter von Pellet-, Hackschnitzel- und Stückholzheizungen im Raum Rosenheim. „Man möchte ja für die Zukunft vorsorgen“, erklärt Dögerl, außerdem sei das Gesundheitssystem ohnehin schon relativ ausgelastet. „Das System, das wir gemeinsam finanzieren, funktioniert gut und ist weltweit einzigartig.“
Geschäftsführer Markus Bolte sieht in der Absenkung von Lohnnebenkosten dagegen einen guten Ansatz: „Die Lohnkosten machen bei uns in der Handelsvertretung quasi den größten Posten aus“, erklärt Bolte. Und klar sei, dass man den Mitarbeitern gute Gehälter zahlen wolle. Gleichzeitig stellt Bolte fest: „Die Leute haben immer weniger Möglichkeiten, sich eine effiziente Heizungsanlage zu leisten.“
Eins dürfte am dritten Tag der internationalen Handwerksmesse klar geworden sein: Die Reformagenda der Bundesregierung ist noch längst nicht abgeschlossen – im Gegenteil. Friedrich Merz verlässt München mit einem großen neuen Punkt auf der To-do-Liste.

