Wenn Jana Vogel ihren Arbeitstag beschreibt, macht sie das in einer Aufzählung: Präsentationen, Newsletter, Events. Sie ist Projektleiterin beim TÜV Süd. Am Vorabend hat sie ein Seminar für 450 Mitarbeitende gehalten. Ein Projekt, nach dem Stress abfällt, und trotzdem war die Nacht kurz: „Das liegt an meinem Schlafproblem“, sagt Jana Vogel.
Helfen will ihr nun ihr Arbeitgeber: TÜV Süd bietet seinen Mitarbeitenden eine App für Mentale Gesundheit: Employee Assistance Program, kurz EAP, nennt sich das. Der Anbieter Kyan Health wirbt mit dem Slogan: „Weniger Fehlzeiten, mehr Zufriedenheit“. Vogel hat über die App einen Termin mit einer Psychotherapeutin vereinbart. Kann das funktionieren?
Deutlicher Anstieg von Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen
Jüngsten Erhebungen zufolge hat sich die Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen seit 2014 verdoppelt. Wenn sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aufgrund psychischer Probleme krankschreiben lassen, fallen sie durchschnittlich sechs Wochen aus. In Bayern waren Beschäftigte 2025 im Schnitt 17,2 Tage krankgeschrieben.
Der TÜV Süd hat diese Entwicklung erkannt und machte bereits vor drei Jahren Mentale Gesundheit zur Priorität – mit einer eigenen Gesundheitsmanagerin, Sabine Foellbach: „Sicherlich ist es nicht ganz einfach, für diese Themen Geld locker zu machen“, sagt sie, aber bei TÜV Süd gebe es viele, die das Thema unterstützen. Neben der App bietet das Unternehmen auch klassische Gesundheitsförderung mit einem Betriebsarztteam, Trainings für Führungskräfte und Sportangebote an.
Betriebliche Gesundheitsförderung auch für kleinere Unternehmen
Eine Gesundheitsmanagerin muss sich ein Unternehmen erst leisten können – jedoch ist die Betriebliche Gesundheitsförderung für kleine und mittelständische Unternehmen nicht weniger relevant: Sandra Kus führt an der Ludwig-Maximilians-Universität seit über zehn Jahren Projekte gezielt mit Unternehmen auf dem Land durch.
Die Ziele dieser Betriebe sind, „dass sie die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeitenden erhöhen, ein Zeichen für die Wertschätzung geben und auch ihre Arbeitgeberattraktivität steigern“, sagt Kus.
Rückenübungen und Gesprächsrunden zeigen positive Wirkung
Für das aktuelle Forschungsprojekt sei es trotzdem schwierig gewesen, kleine und mittlere Unternehmen in Bayern zu finden, die mitmachen. Dabei soll das Angebot niederschwellig sein: Über Bedarfsgespräche finden die Forscherinnen und Forscher raus, was die Mitarbeitenden brauchen.
Oft sind es lediglich regelmäßige Gesprächsrunden für eine bessere Unternehmenskultur oder gemeinsame Pausen mit Rückenübungen. Ergebnisse aus der Vergangenheit zeigen „signifikant positive Entwicklungen“ im Gesundheitsverhalten der Mitarbeitenden, so Kus.
Belastungen können von Branche zu Branche unterschiedlich sein. „Nachweislich häufiger krank macht Menschen manuelle Arbeit“, sagt ein Sprecher der IG Metall Bayern und fordert deshalb, Führungskräfte müssten sich im Bereich Gesundheit besser qualifizieren.
Psychische Gesundheit per App: Mit Chatbot und Meditationsguide
Beim TÜV Süd ist die betriebliche Gesundheit zur App-Sache geworden: Neben Webinaren für Führungskräfte und einem Chatbot kann Jana Vogel nun mit einer Therapeutin über ihre Schlafprobleme sprechen. Drei Mal 50 Minuten zahlt das Unternehmen.
Per Videocall erzählt Jana von ihrem Alltag: ein Hund, zwei Teenager, selten pünktlich Feierabend. Die Therapeutin gibt Tipps – Meditation, natürlich auch in der App, keine Uhr neben dem Bett – ein paar Veränderungen soll Jana Vogel gleich vornehmen. Janas Fazit nach dem Gespräch: „Wirklich gut. Ich bleibe auf jeden Fall mit ihr in Kontakt.“ Nach drei Sitzungen zeigt sich, ob sich der Werbe-Slogan des App-Anbieters dann wirklich schon erfüllt.

