Während ihrer Schulzeit habe sie ihre Religion nicht offen ausgelebt – Nicole Fahrmeir ist Jüdin. Doch das habe sie damals meist verheimlicht, um sich vor Anfeindungen zu schützen. Für eine neue Publikation hat die Studentin aus Würzburg der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) über ihren Schulalltag berichtet. Deren Autoren kommen zu dem Ergebnis: Antisemitismus ist Alltag an bayerischen Schulen.
Schulalltag wird zum „Spannungsfeld“
19 jüdische Schüler, Absolventinnen, Lehrkräfte und Eltern haben die beiden Autoren für ihre Publikation befragt. So wie Nicole Fahrmeir vor rund zwei Jahren. „Bei mir ist es mehr oder weniger gut ausgegangen, weil ich nicht über mein Judentum gesprochen habe“, erinnert sich Fahrmeir an ihre Zeit auf einem Mädchengymnasium. Viele ihrer jüdischen Freunde hingegen, die sich offen zu ihrer Religion bekannten, hätten Anfeindungen erlebt. Der Schulalltag wird zu einem „Spannungsfeld“, sagt die 22-Jährige: „Wie viel gebe ich davon preis wer ich wirklich bin? Und wo passe ich auf und schaue, dass mir nichts passiert?“
Ergebnis: Lehrkräfte mit Antisemitismus überfordert
Bei den qualitativen Befragungen ging es RIAS Bayern nicht darum, die Häufigkeit antisemitischer Vorfälle zu dokumentieren – sondern darum, wiederkehrende Muster aufzuspüren. Für die Publikation, die nun in Würzburg vorgestellt wurde, haben die Autoren Interviews mit Personen aus Mittelfranken, Schwaben und Unterfranken geführt.
RIAS Bayern resümiert: Antisemitismus sei an bayerischen Schulen kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Problem. Lehrkräfte fühlen sich demnach häufig überfordert. Sie würden Antisemitismus nicht immer erkennen oder nicht wissen, wie man auf antisemitische Vorfälle angemessen reagiert. Antisemitismus sei für die Betroffenen „eine gefährliche Normalität“, sagt RIAS-Bayern-Leiterin Annette Seidel-Arpacı.
Judenfeindliche Äußerungen von Schülern – und Lehrern
RIAS berichtet zum Beispiel von einer Schülerin aus Schwaben: Monatelang habe die 15-Jährige von einem Mitschüler antisemitische Nachrichten erhalten. In einer habe gestanden: ihre Familie hätte „vergast“ werden sollen.
Auch antisemitische Äußerungen von Lehrkräften dokumentiert die Publikation. „Er ist Jude. Ist doch klar, dass ihm alles wehtut“, kommentierte demnach ein Lehrer die Sportverletzung eines jüdischen Schülers. Hinzu kommt laut RIAS: Oft würden andere Personen solche Aussagen dulden. Das führe dazu, dass Betroffene Abwertungen zunächst hinnehmen und erst rückblickend als antisemitisch einordnen.
Antisemitismus seit 7. Oktober 2023 „salonfähiger“
Außerdem beobachtet RIAS, dass sich die Lage seit dem Überfall der Terrororganisation Hamas auf Israel verschärft hat. Antisemitismus habe es in bayerischen Klassenzimmern schon zuvor gegeben, aber seit dem 7. Oktober 2023 werde er „enthemmter, israel-lastiger und salonfähiger“. So schilderte es eine Mutter den Autoren.
Viele Befragte vermeiden laut RIAS sichtbare jüdische Symbole – aus Angst vor Angriffen. Einige Befragte erwägen demnach auszuwandern oder im Ausland zu studieren. Andere würden auf eine positive Veränderung hoffen. „Ob wir das Feuer löschen oder nicht, liegt am Ende des Tages an uns, weil die Mehrheitsgesellschaft dagegen einfach nichts tut“, zitieren die Autoren einen 26-jährigen jüdischen Lehrer.
„Jüdische Schülerinnen und Schüler müssen besser geschützt werden – sie sollen sicher lernen können“, wird Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) in einer Pressemitteilung zitiert. Scharf ist zugleich Schirmherrin des Trägervereins von RIAS Bayern. Es sei ihr wichtig, die Präventionsarbeit weiter auszubauen. Die Ergebnisse seien „unser Auftrag“.
Von Januar 2019 bis Juli 2025 hat die Recherchestelle 114 antisemitische Vorfälle in und um bayerische Schulen dokumentiert.
Falschbehauptungen im Klassenzimmer
Studienteilnehmerin Nicole Fahrmeir will bald ins Klassenzimmer zurückkehren. Sie studiert Lehramt für Sonderpädagogik – und sie will ein paar Dinge besser machen als ihre eigenen Lehrkräfte. Zum Beispiel erinnert sie sich an eine Religionsstunde, in der ihre damalige Lehrerin Falschbehauptungen über die Mesusa verbreitet habe – eine Schriftkapsel, die sich in traditionellen jüdischen Haushalten an Türrahmen befindet. „Mir ist egal zu welchem Thema wichtig, dass ich mich davor damit auseinandersetze“, sagt Fahrmeir. Das Judentum lebe von Vielfalt. Das will sie künftig vermitteln.

