Die Patienten, die der Münchner Hausarzt und Tropenmediziner Markus Frühwein in seiner Praxis behandelt, sind eher die Ausnahme: tendenziell jung und mit kaum Berührungsängsten, was Technik angeht. So sieht sie der Mediziner. Bei einer Umfrage in seinem Wartezimmer zeigt sich: Die meisten halten die elektronische Patientenakte (ePA) tatsächlich für sinnvoll. Viele Unklarheiten gibt es trotzdem, ein junger Mann weiß nicht, dass es sie überhaupt gibt. Und mit ihren Möglichkeiten beschäftigt hat sich fast niemand.
Kaum jemand weiß, wie er an seine Daten kommt
Das Wartezimmerstimmungsbild bestätigt eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbandes. Fast jeder weiß zwar, dass es die Akte gibt, für 70 Millionen Versicherte wurde sie bis Februar 2025 eingerichtet, aber kaum jemand weiß, wie er selbst an die Daten kommt. Und erst recht nicht, warum man das tun sollte. Ein Grund: Man kann verhindern, dass etwa der Zahnarzt auch Unterlagen zur psychotherapeutischen Behandlung einsehen kann. 75 Prozent geben in der Forsa-Umfrage an, dass sie sich mit der elektronischen Patientenakte schlicht noch nicht auseinandergesetzt hätten.
Aus Ärztesicht viele Vorteile
Hausarzt Frühwein, der auch im Bayerischen Hausärzteverband tätig ist, weist auf die Vorteile der ePA aus Ärztesicht hin: Alle Befunde auf einen Blick zur Verfügung zu haben, „ob es jetzt Laborwerte sind, Arztbriefe, die Bandbreite ist relativ groß“. Doppeldiagnosen und das „Hinterherjagen“ von Befunden entfallen. Und gerade bei einem Notfall sei es wichtig, über die Medikation eines Patienten Bescheid zu wissen.
Wer drin ist, kann seine Daten verwalten
In der Umfrage für die Verbraucherzentralen geben 13 Prozent an, sie nutzten die ePA nicht, weil es keine ausreichende Selbstbestimmung gibt, wer welche Daten sehen darf. Dabei können Patienten auf ihre Daten in der Patientenakte zugreifen und dort einstellen, welche davon einsehbar sein sollen. Doch dazu muss man sich registrieren. „Viele sagen, ich komme schlicht nicht rein, es ist kompliziert reinzukommen, die technischen Hürden sind einfach viel zu hoch“, sagt Ramona Pop, Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, im Gespräch mit BR24. Noch dazu hat jede Krankenversicherung unterschiedliche ePA-Apps mit unterschiedlichen Anmeldeverfahren.
Gesundheitsministerin verspricht neue Funktionen für die ePA
Noch dazu fragten sich viele: „Was habe ich denn eigentlich davon?“, sagt Ramona Pop. Dieser Punkt spielt für 33 Prozent der Befragten eine Rolle, der zweithöchste Wert bei Frage nach der Nichtnutzung der ePA. Es sei kein Wunder, dass die ePA so wenig genutzt werde, wenn „alltagsnahe Mehrwerte“ fehlten. Zum Beispiel der Impfpass, mit einer Erinnerung, wann die nächste Impfung ansteht oder das Bonusheft vom Zahnarzt. Die müssten in die ePA integriert werden, fordert die Chefin der Verbraucherschützer mit Blick auf Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU).
Warken selbst verteidigt die ePA: „Wir werden die Nutzbarkeit so weiterentwickeln, dass sie für alle Versicherten einen größeren Mehrwert bringt.“ Der Zugang zur Akte müsse „einfacher werden, deshalb werden wir unter Einhaltung hoher Schutzstandards das Authentifizierungsverfahren vereinfachen“. Funktionen wie das e-Rezept und die Medikationsliste seien bereits fester Bestandteil der Versorgung. Die E-Überweisung und die digitale Ersteinschätzung sollen als weitere Anwendungen integriert werden, sagte Warken.
Datenschutz versus Gesundheit
Der Münchner Hausarzt Frühwein sagt, der einzige Nachteil der elektronischen Patientenakte bestehe für ihn „in dem Thema Datenschutz“. Und auch die Verbraucherschützer sehen hier ein Problem. Dass Daten aus der elektronischen Patientenakte künftig auch zu Forschungszwecken verwendet werden können, wissen in der Forsa-Befragung nur 25 Prozent der Befragten. Die Daten werden anonymisiert. Das Problem sei vor allem, dass nicht mehr Menschen von der wissenschaftlichen Nutzung wissen. Grundsätzlich zeigt sich hier aber ein Dilemma, das der Mediziner Frühwein so beschreibt: „Der gläserne Patient ist wahrscheinlich auch der besser behandelte Patient.“

