Universität auf der einen Seite, Klassenzimmer auf der anderen: Diese Trennung will das Kultusministerium zusammen mit dem Wissenschaftsministerium stärker aufbrechen. Studierende sollen früher erleben, wie Unterricht tatsächlich funktioniert und selbst unterrichten.
„Wir bringen mehr Schule ins Studium“, sagte Kultusministerin Anna Stolz bei der Vorstellung des neuen Masterplans. Angehende Lehrkräfte sollten früher und intensiver in die Praxis kommen und besser auf „die Realität im Klassenzimmer“ vorbereitet werden.
300 Stunden Praxis in der Schule
Herzstück der Reform ist das „Praxisjahr intensiv“. Die bisherigen Praktika werden gebündelt und ausgeweitet: Künftig sollen Lehramtsstudierende 300 Stunden an Schulen verbringen. Das sind rund 50 Prozent mehr als bisher. Mindestens 20 Mal sollen sie selbst unterrichten.
Die Praxisphase soll sich über ein komplettes Schuljahr erstrecken. Während des Semesters sollen die Studierenden einen Tag pro Woche an der Schule verbringen, in der vorlesungsfreien Zeit blockweise. Nach Angaben von Stolz soll die Praxisphase im fünften Semester beginnen und von Universität und Schule begleitet werden.
Wissenschaftsminister Markus Blume spricht von einem großen Wurf: Man wolle „das Klassenzimmer in die Uni und die Uni ins Klassenzimmer“ bringen. Praxis solle sich künftig durch Studium, Referendariat und Fortbildung ziehen.
Typische Situationen im Lehreralltag üben
Auch konkrete Situationen des Lehreralltags sollen stärker trainiert werden. „Core Practices“ nennt sich dieser Ansatz. Gemeint ist zum Beispiel: Woran erkenne ich, ob ein Schüler etwas verstanden hat? Wie gebe ich hilfreiches Feedback? Wie reagiere ich, wenn eine Klasse unruhig wird?
Zunächst wird der Ansatz an ausgewählten Universitäten in Modellversuchen erprobt. Viel Zustimmung kommt vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband. Präsidentin Simone Fleischmann war selbst Mitglied der Expertenkommission, die 2025 Vorschläge für die Reform erarbeitet hatte. Mehr Praxis, ein Praxisjahr und die „Core Practices“ griffen eine seit Jahrzehnten bestehende Kritik an der Lehrkräftebildung auf, sagt Fleischmann. Auch den stärkeren Fokus auf den Umgang mit heterogenen Klassen begrüßt sie. Gleichzeitig mahnt sie, der Masterplan brauche „Evaluation, kritische Begleitung und einen langen Atem“.
Gute Konzepte für KI
Auch digitale Bildung und Künstliche Intelligenz sollen künftig verbindlicher in der Ausbildung vorkommen. Dabei sind gute pädagogische Konzepte entscheidend. Wie wichtig das ist, zeigen aktuelle PISA-Daten. In Deutschland sagt jeder dritte Jugendliche, dass digitale Geräte im Unterricht häufig ablenken. Für PISA-Studienleiter Samuel Greiff zeigt das: Es geht nicht darum, möglichst viel Technik einzusetzen, sondern sie gezielt zu nutzen. Dafür brauche es entsprechend ausgebildete Lehrkräfte und Unterstützung. „Man kann nicht einfach sagen: Liebe Lehrkraft, jetzt mach das mal“, sagt Greiff.
Auch das Referendariat wird verändert
Auch die Prüfungen im Referendariat sollen praxisnäher werden. Künftig soll dabei stärker eine Folge mehrerer Unterrichtsstunden bewertet werden und nicht nur eine einzelne Lehrprobe. Die schriftliche Hausarbeit im Zweiten Staatsexamen entfällt. Gesundheitsangebote soll es auch schon für Referendarinnen und Referendare geben.
Zugleich wird die Regelstudienzeit um ein „Praxis- und Prüfungssemester“ erweitert. Blume betont, damit werde vor allem die tatsächliche Studiendauer besser abgebildet. Grundschullehrkräfte, Realschullehrkräfte und Gymnasiallehrkräfte werden aber weiterhin unterschiedlich lange studieren. Eine Angleichung, wie sie die Expertenkommission vorgeschlagen hatte, ist nicht vorgesehen.
Vollständige Reform erst ab 2029/2030
Bis alle Änderungen umgesetzt sind, wird es noch dauern. Einzelne Maßnahmen sollen früher starten, für andere sind Modellversuche nötig. Die vollständig reformierten Lehramtsstudiengänge sollen zum Wintersemester 2030 beginnen.
OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher sagt: „Kein Bildungssystem kann besser sein als seine Lehrkräfte“. Lehrkräfte bräuchten mehr Verantwortung, mehr Raum und mehr Unterstützung. Der bayerische Masterplan setzt dafür an einem frühen Punkt an: bei der Frage, wie Lehrerinnen und Lehrer auf ihren Beruf vorbereitet werden.

