Seminare mit Nähe zur „Germanischen Neuen Medizin“ (GNM) werden nach BR-Recherchen im Jahr 2026 auch über Paracelsus-Heilpraktikerschulen angeboten. Ein Kurs in Dresden mit dem Titel „Germanische Heilkunde – Krankheiten verstehen lernen und auflösen“ richtet sich ausdrücklich an Menschen, die therapeutisch arbeiten. Im Seminarraum hängt die „Hamersche Tabelle“. Mit der Tabelle ist ein großes Poster gemeint, auf der beschrieben ist, wie Krankheiten laut der GNM verlaufen, vor allem wie man sie vermeintlich loswird. Außerdem sind da Pseudo-Lehrbücher von Ryke Geerd Hamer.
Nach der GNM sind Krankheiten Ausdruck eines Konflikts
Die Germanische Neue Medizin geht auf den ehemaligen Arzt zurück. Hamer postulierte, jede Krankheit sei Ausdruck eines Konflikts. Krebs sei kein „Feind“, sondern ein „sinnvolles biologisches Sonderprogramm“. Operationen, Bestrahlungen und Medikamente gelten in diesem System als Störungen dieses Programms. Hamers Habilitation wurde 1982 von der Universität Tübingen abgelehnt, Gutachten widersprachen seiner Theorie. Er verlor später seine Approbation und wurde wegen unerlaubter Behandlung verurteilt; Recherchen zeigen, dass viele von ihm als „Heilerfolge“ präsentierte Krebspatienten kurz darauf starben.
Die Kursleiterin in dem von Paracelsus angebotenen Seminar erzählt die Geschichte der Germanischen Neuen Medizin und verbindet sie mit Konzepten wie Manifestation, Reinkarnation und Energiearbeit. Ihre Tochter, die als Kind an Leukämie erkrankt war, wird als Beispiel für die vermeintliche Wirksamkeit solcher Ansätze genannt. Der BR war für die Doku-Serie „Seelenfänger: Der falsche Heiler“ undercover dabei.
Paracelsus-Kursteilnehmerinnen kritisch gegenüber evidenzbasierter Medizin
Offene Heilsversprechen vermeidet sie, auch von evidenzbasierter Medizin rät sie nicht ausdrücklich ab. In Diskussionen zeigt sich jedoch, dass Teilnehmende ihre Haltung zu Vorsorge und Therapie verändern: Einzelne äußern, prophylaktische Untersuchungen – etwa zur Brustkrebsvorsorge – künftig eher meiden zu wollen. Eine Teilnehmerin sagt nach Angaben der Reporterinnen und Reporter, sie gehe jetzt nicht mehr zur Brustkrebsvorsorge.
Auf Anfrage betont die Leiterin, das Seminar sei „rein informative Wissensvermittlung“ und ersetze keine Diagnostik oder Therapie. Von Paracelsus heißt es, man wolle das Angebot überprüfen, es handle sich um ein einzelnes Produkt mit geringen Teilnehmerzahlen, das außerdem nur in Sachsen stattfinde. Zu konkreten Inhalten – etwa der prominenten Nutzung von Hamer-Material – äußert sich Paracelsus nicht. Der Kurs ist bis Redaktionsschluss weiterhin buchbar.
Telegram als digitales Behandlungszimmer
Parallel zu solchen analogen Seminaren spielt die digitale Szene eine zentrale Rolle. Die Sozialwissenschaftlerin Leonie Oehmig, wissenschaftliche Analystin am Institute for Strategic Dialogue in Berlin, hat für eine Studie ein Jahr lang GNM-nahe Telegram-Kanäle untersucht. Telegram nehme „so ein bisschen eine Zwischenfunktion“ ein – „zwischen zum einen der Social-Media-Plattform durch Broadcasting Channel, aber auch eben ein Messenger Dienst“.
Telegram wird von GNM-Anhängern wie ein digitales Behandlungszimmer genutzt: „Jemand hat ein Problem, also sagen wir, ich habe ein Bild von einem Hirn-CT in einem dieser Chats gesehen, mit einem Tumor auf der linken Gehirnhälfte. Eine Person postet das in den Channel oder in den Chat und anschließend wird gefragt, wer kann mir helfen? Wie kann ich damit umgehen?“ Teilweise würden auch „Symptome von Kindern reingepostet, von älteren Menschen, von Familienangehörigen“. Oft folgen Empfehlungen: „Leute sagen, hier, ich kann dir jemanden empfehlen, ein Heiler oder eine Heilerin, die dir helfen kann.“
KI-Chatbot analysiert vermeintliche Konflikte und gibt Empfehlung
Zugleich hat Oehmig wirtschaftliche Strukturen beobachtet. In den Kanälen wird Werbung für Coachings, Bücher und Seminare gemacht – und für KI-Chatbots. „Einer dieser Chats kostet 20 Euro im Monat für die Premium-Version. Da kann ich dann zum Beispiel Fotos hochladen von meinem Symptom und dann wird mir gesagt, wo gegebenenfalls mein Konflikt liegt und wie ich mit diesem Konflikt umgehen sollte.“
Oehmigs Auswertung zeigt außerdem ideologische Überschneidungen: „Ich habe in meiner Untersuchung auch insbesondere einen Akteur gefunden, der extrem antisemitische Inhalte geteilt hat.“ In den Kanälen tauchen Links und Videos auf, „mit ganz vielen anderen abstrusen Verschwörungstheorien, ganz viel von Querdenken und teilweise auch so eine Verschwörungstheorie, wo es dann um Flat-Earthing geht“. Telegram werde so zu einer „Vernetzungsstelle“ für GNM-Gläubige und zu einer Schnittstelle in ein breiteres Verschwörungsökosystem.

