Die Hitzewelle in Europa und ein trockener Winter haben die Gletscherschmelze in den Schweizer Alpen extrem beschleunigt. Einem neuen Bericht zufolge haben sie in diesem Jahr 5,5 Prozent ihrer Gesamtmasse verloren. Seit 2022 ist demnach fast ein Fünftel des Gletschereises weggeschmolzen. Wegen mehrerer Hitzewellen sei schon im Sommer die schützende Schneedecke weitgehend verschwunden gewesen, wie das Schweizerische Gletschermessnetz (Glamos) berichtet.
Die im Netzwerk „Glamos“ organisierten Fachleute berichten, dass die mittlere Eisdicke einzelner Gletscher um 2,5 bis vier Meter abgenommen habe. „Alpengletscher haben unter solchen Bedingungen langfristig keine Überlebenschance“, teilt Glamos mit. Nur im Rekordjahr 2022 sei der Verlust größer gewesen. Das Messnetz führt die Entwicklung auf den Klimawandel zurück. Der Eisverlust war in den vergangenen fünf Jahren fast doppelt so hoch wie in den fünf Jahren davor.
Gletscher in Österreich „wie ein Schweizer Käse“
Auch in Österreich und Deutschland erwarten Fachleute erhebliche Verluste. In Österreich sind derzeit Freiwillige des Alpenvereins (ÖAV) unterwegs, um die Gletscher nach dem abgelaufenen Sommer zu dokumentieren. Die Teams seien mit „massivem Längen- und Massenschwund“ konfrontiert, sagt ÖAV-Experte Andreas Kellerer-Pirklbauer der Deutschen Presse-Agentur. Auf Österreichs größtem Gletscher, der Pasterze am Fuße des Großglockners, zeichne sich ein möglicher Rekord-Eisverlust ab. Der Pasterze mache nicht nur die direkte Sonnenstrahlung zu schaffen, sondern sie werde auch durch Schmelzwasser von innen ausgehöhlt. „Wie ein Schweizer Käse durch eine Maus“, sagt Kellerer-Pirklbauer.
Innerhalb von zwei Jahrzehnten ist das Eis in Österreichs Bergen um 31 Prozent auf 285 Quadratkilometer zusammengeschrumpft. Das geht aus dem jüngsten Gletscherinventar des Alpenlandes hervor, das im September veröffentlicht wurde. Die Daten beziehen sich auf das Jahr 2023.
Deutschland in wohl zehn Jahren gletscherfrei
In Deutschland werden die verbleibenden vier Gletscher wohl in höchstens zehn Jahren verschwunden sein. Sie büßten schon bis 2025 innerhalb von nur zwei Jahren mehr als ein Viertel ihrer Fläche ein. Rund eine Million Kubikmeter Eis gingen insgesamt verloren, wie eine Vermessung durch den Geografen Wilfried Hagg von der Hochschule München und den Glaziologen Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW) im vergangenen Jahr ergab. Auch dieses Jahr sei ein erheblicher Verlust zu erwarten, heißt es unter anderem bei der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus an der Zugspitze.
Vom Blaueisgletscher und Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Bergen gibt es nur noch klägliche Reste, sie könnten schon bald ihren Status als Gletscher verlieren. Bis Ende des Jahrzehnts könnte der Nördliche Schneeferner an der Zugspitze betroffen sein. Am längsten wird sich absehbar der Höllentalferner im Zugspitzgebiet halten. Doch auch ihm gaben die Wissenschaftler zuletzt nur noch maximal zehn Jahre. Dann wird Deutschland keinen einzigen Gletscher mehr haben.
Felssturz an der Zugspitze – Tauender Permafrost
Erst vor kurzer Zeit hatte ein Felssturz an Deutschlands höchstem Berg Zugspitze für Aufsehen gesorgt. Ein Zusammenhang mit den hohen Temperaturen dieses Sommers wird vermutet. Die Abbruchstelle lag in 2.800 Metern Höhe, wo der Boden in der Tiefe teils gefroren ist. Es handelt sich dabei also nicht um einen Gletscher, sondern um sogenannten Permafrost, der das Gestein wie Kleber zusammenhält und mit steigenden Temperaturen taut. Wissenschaftler untersuchen derzeit die genauen Ursachen des Felssturzes.
Tauender Permafrost erschwert auch die Arbeit der Gletscherforscher: Denn das zunehmend bröckelnde Gestein erhöht das Risiko für die Vermessungsteams, wie ÖAV-Experte Kellerer-Pirklbauer schildert. Dazu kämen noch weitere Faktoren wie vermehrte Spalten im schmelzenden Eis. „Es wird durchaus gefährlicher.“

