Wenn Putin Russland in die Hölle schickt und die Welt überhaupt Kopf steht, kann der Protest dagegen nicht laut genug sein. Die „Riot Days“ von Pussy Riot in den Münchner Kammerspielen eröffnete denn auch der Drummer Eric J. Breitenbach mit einem bombastischen Schlagzeugsolo. Ein Wachtrommeln gewissermaßen. Das Publikum war elektrisiert.
„Wir erzählen eine Geschichte über das, was in Russland im Laufe von zehn Jahren passiert ist“, sagte Maria Aljochina, Mitbegründerin von Pussy Riot, aktuell in Abwesenheit zu 13 Jahren und 15 Tagen Haft in Russland verurteilt. „Der Bogen spannt sich von meiner ersten ‚Pussy Riot‘-Aktion bis zu meiner Flucht. Wir berichten darüber, was sich im Land abgespielt hat. Dabei geht es nicht nur um Russland, denn die Faschismus-Gefahr ist überall. Auch in Deutschland. Wir haben unsere ganze Seele in diese Show gelegt, vielleicht wird sie etwas verändern.“
Neue Versionen mit wechselnden Besetzungen
„Riot Days“ ist eine multimediale Punk-Oper über den Putinismus und künstlerische Renitenz. Pussy Riot führen sie schon gut zehn Jahre auf, in immer neuen Versionen und mit wechselnden Besetzungen. Neben Maria Aljochina und Eric J. Breitenbach stehen in den Kammerspielen Taso Pletner und Alina Petrova auf der Bühne. Vor Standmikrophonen singen sie, spielen Flöte und Geige, skandieren etwa „Putin wird dich lehren, das Vaterland zu lieben“, sie tanzen und schlagen zornig mit den Fäusten in die Luft.
Eine Choreografie, die gekonnt Bezug nimmt auf die im Hintergrund laufenden Videos von roboterhaften Polizeiaufmärschen, von Verhaftungen, Prozessen, Lagern, Isolationszellen, Putinauftritten und Pussy-Riot-Aktionen. Gleichsam flüchtige Tableaus russischer Zeitgeschichte, angefangen beim Auftritt in der Christi-Erlöserkathedrale 2012 in Moskau: Ein Punkgebet, in dem „Pussy Riot“ die Gottesmutter um Hilfe bitten, Putin zu vertreiben. „Wir gingen zur Kirche, als würden wir schwimmen, wir konnten unsere Beine nicht fühlen“, erinnert sich Maria Aljochina.
„Riot Days“ soll aufrütteln
Der Auftritt dauerte nur 40 Sekunden, der Prozess zog sich über Wochen hin. Maria Aljochina und Nadja Tolokonikova wurden zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Ihr persönliches Schicksal verbindet Maria Aljochina in „Riot Days“ mit dem Los tausender anderer russischer Dissidenten. „Als wir das erste Mal inhaftiert wurden, war das ein Skandal, der die Welt noch erschüttern konnte. Jetzt sterben Menschen jede Woche in russischen Lagern. Manche sitzen lebenslänglich, weil sie gegen den Krieg sind. In unserer Show zeigen wir ein Dutzend Fotografien von politischen Gefangenen. Tatsächlich gibt es mindestens 3.000 politische Häftlinge in Russland.“
„Riot Days“ soll aufrütteln, aufklären, poetisch, fröhlich, verzweifelt. Alina Petrova spricht von einem Lehrstück: „Das Musiktheater transportiert Emotionen, es reißt die Zuschauer mit und vielleicht erreichen wir dadurch den einen oder anderen. Vielleicht kommen die Menschen nach Hause und beginnen, sich Fragen zu stellen.“ Im Zentrum von „Riot Days“ steht die Frage nach Freiheit. Jedes Mal, wenn Maria Aljochina aus der Haft entlassen wurde, sagte das Wachpersonal zu ihr: „Sie sind frei.“ Darauf Aljochina: „Und Sie?“

