Eigentlich würde Mathelehrer Roland Kirschner mit seiner fünften Klasse gerne noch ein bisschen bei diesem Thema bleiben. Noch einmal an der Stellwerttafel üben oder verschiedene Lösungswege ausprobieren. Denn nicht alle seiner Schülerinnen und Schüler haben den Stoff schon richtig verstanden. Doch die Zeit drängt, das nächste Thema steht an und der Lehrplan ist voll.
„Ich fände es besser, wenn es weniger wäre, weil man dann natürlich auch mehr Zeit hätte, den Stoff tiefer und intensiver zu behandeln“, sagt Kirschner, der im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband die Fachgruppe Gymnasium leitet. Schon seit mehr als zehn Jahren fordert der Verband, die bayerischen Lehrpläne deutlich zu entschlacken (externer Link).
KI, Klimawandel, Digitalisierung: Lehrpläne werden immer voller
Aber was aus dem Lehrplan soll wegfallen? Das sei gar nicht so einfach, sagt Kirschner. Schließlich habe jeder Lehrer andere Vorstellungen davon, welche Inhalte besonders wichtig sind. Und völlig überflüssig sei das, was im Lehrplan steht, ja auch nicht.
Dabei ist die Stofffülle keineswegs nur ein deutsches Problem. Die OECD beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem sogenannten Curriculum Overload (externer Link).
Immer neue gesellschaftliche Anforderungen führen dazu, dass Lehrpläne wachsen. Die Digitalisierung, der Klimawandel oder der Umgang mit Künstlicher Intelligenz sollen ihren Platz im Unterricht bekommen. Doch was dafür gestrichen werden könnte, bleibt häufig offen.
PISA-Bericht empfiehlt weniger Themen, dafür vertieft
Erfolgreiche Bildungssysteme wie in Singapur, Japan oder Shanghai machen im Unterricht weniger Themen, gehen dafür aber in die Tiefe. In ihrem jüngsten PISA-Bericht (externer Link) empfiehlt die OECD deshalb, sich stärker auf eine kleinere Zahl zentraler Inhalte zu konzentrieren und diese gründlich zu vermitteln, statt eine lange Themenliste nur oberflächlich abzuarbeiten. Das allein garantiert zwar noch keine besseren Leistungen der Jugendlichen. Es könnte aber helfen, Unterricht stärker am tatsächlichen Lernen auszurichten.
Tausende Lehrpläne: Für jedes Bundesland und jede Schulart, jede Jahrgangsstufe, jedes Schulfach
Doch wie lässt sich eine solche Reform in Deutschland umsetzen? Der Bildungsforscher Eckhard Klieme vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) in Frankfurt beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Lehrplänen und Unterrichtsqualität.
Ein Problem sieht er in der Zersplitterung des deutschen Schulsystems. Tausende Lehrpläne gebe es hierzulande, schätzt Klieme. Denn jedes Bundesland hat für unterschiedliche Schularten, Jahrgangsstufen und Fächer eigene Vorgaben. Das kostet nicht nur Geld, sondern macht auch grundlegende Veränderungen kompliziert.
Nationale Bildungsstandards machen verbindliche Vorgaben
Hinzu kommt eine Besonderheit, die ausgerechnet auf den ersten PISA-Schock zurückgeht: die nationalen Bildungsstandards. Nach den schlechten Ergebnissen der PISA-Studie 2000 verständigten sich die Bundesländer auf gemeinsame Anforderungen, etwa für Deutsch, Mathematik und die Naturwissenschaften. Sie legen fest, was Schülerinnen und Schüler in diesen Fächern können sollen.
Das erschwert Reformen an den Lehrplänen, denn die müssen sich an den gemeinsamen Vorgaben orientieren. Dafür gebe es bislang aber weder geeignete Gremien noch etablierte Verfahren, kritisiert Bildungsforscher Eckhard Klieme. Die Folge: Stillstand.
Idee: Fächer verbinden und Inhalte abstimmen
Dabei hätte Klieme Ideen, wie sich Unterrichtsinhalte neu organisieren ließen: Warum beispielsweise Physik, Chemie und Biologie nicht stärker miteinander verbinden? Oder Mathematik, Informatik und Technik besser aufeinander abstimmen? Bislang werde Schule noch immer stark aus der Perspektive der einzelnen Fachdisziplinen gedacht.
Mut zur Lücke, sagt der Bildungsforscher und nennt als Beispiel den Satz des Pythagoras. Die Formel a² + b² = c² kennen die meisten. Doch was steckt eigentlich dahinter? Mit dem Satz lassen sich die Seiten eines rechtwinkligen Dreiecks mithilfe von Zahlen beschreiben und berechnen. Er verbindet damit zwei Bereiche der Mathematik: Geometrie und Algebra. Diesen Zusammenhang wirklich verstanden zu haben, ist für Klieme wichtiger, als immer wieder nur Gleichungen nach einem festen Schema zu lösen.
Welche Kompetenzen brauchen Schüler nach Ende der Schulzeit wirklich?
Und wie könnte man den Lehrplan jetzt besser machen? Gymnasiallehrer Roland Kirschner würde die Frage lieber umdrehen: Statt zuerst zu überlegen, was aus dem Lehrplan rausfliegt, müsse man klären, welche Kompetenzen junge Menschen am Ende ihrer Schulzeit brauchen und welche Inhalte ihnen dabei helfen.
Doch damit allein ist es nicht getan. Ein schlankerer Lehrplan sorgt schließlich nicht automatisch dafür, dass die Kinder mehr verstehen. Entscheidend ist, was in den Klassenzimmern daraus gemacht wird.

