In Deutschland werden Kinder im europäischen Vergleich besonders früh auf verschiedene Schulformen verteilt, in den meisten Bundesländern nach der vierten Klasse. Wie gerecht das ist, wird viel diskutiert. Forschende der Universität Konstanz haben nun erstmals Schülerinnen und Schüler selbst eine Einschätzung geben lassen.
Einteilung in Schulformen: Gefühl der Fehlplatzierung ist verbreitet
Für das Projekt PerFair (externer Link) des Exzellenzclusters „Die politische Dimension von Ungleichheit“, befragten sie 3.000 Siebtklässler aus mehreren Bundesländern und interviewten sie zwei Jahre später erneut. Ergebnis: Rund 13 Prozent aller Jugendlichen, die nicht auf ein Gymnasium gehen, sind der Meinung, sie gehörten eigentlich auf eine höhere Schulart.
Besonders stark ausgeprägt ist dieses Gefühl auf der Haupt- und Mittelschule. Dort sind Frustration und das Empfinden, kaum Chancen auf schulischen Erfolg zu haben, besonders verbreitet. Vor allem bei Jugendlichen mit Migrationsgeschichte. Rund ein Viertel von ihnen gibt an, auf einem zu niedrigen Schulzweig gelandet zu sein – unabhängig davon, wie gut oder schlecht ihre tatsächlichen Leistungen sind.
Wahrgenommene Ungerechtigkeit nicht nur eine Leistungsfrage
„Naheliegend wäre die Annahme, dass diese Jugendlichen tatsächlich häufiger falsch eingestuft wurden“, erklärt Claudia Diehl, Professorin für Mikrosoziologie an der Universität Konstanz und Mitautorin der Studie. Um das zu überprüfen, analysierte das Forschungsteam die kognitiven Fähigkeiten der Befragten und verglich sie mit dem Durchschnitt ihrer jeweiligen Schulform.
Das Ergebnis überrascht: Während Jugendliche ohne Migrationsgeschichte sich vorrangig dann fehlplatziert fühlen, wenn sie überdurchschnittliche Kompetenzen zeigen, berichten Jugendliche mit Migrationsgeschichte dieses Gefühl auch bei durchschnittlichen oder sogar unterdurchschnittlichen Kompetenzen. Kognitive Kompetenz allein erklärt die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit also nicht.
Informationsdefizite und hohe elterliche Erwartungen
Ein wichtiger Faktor ist nach Ansicht der Forschenden ein Informationsdefizit. Viele Eltern mit Migrationsgeschichte seien mit dem deutschen Bildungssystem weniger vertraut, sagt Claudia Diehl. Häufig fehle das Wissen darüber, welche Noten und Kompetenzen tatsächlich für den Übergang auf ein Gymnasium notwendig sind. Das könne in den Familien das Gefühl verstärken, dass schulische Entscheidungen „nicht mit rechten Dingen zugegangen“ seien.
Hinzu kommen hohe Bildungserwartungen. Eingewanderte Eltern wünschen sich häufig, dass ihre Kinder Abitur machen und studieren – oft, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen, als sie selbst es hatten. Diese Erwartungen seien grundsätzlich eine Ressource, betont der Rassismusforscher Cihan Sinanoglu vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung. Sie zeigten, wie wichtig Bildung für viele Familien sei.
Gleichzeitig entstehe dadurch aber auch erheblicher Druck auf die Kinder – hauptsächlich dann, wenn die Möglichkeiten der Eltern zur schulischen Unterstützung begrenzt seien. Sinanoglu kennt diese Situation aus eigener Erfahrung: Der Spagat zwischen hohen Erwartungen und begrenzten Ressourcen könne für Jugendliche sehr belastend sein.
Das Gefühl, falsch eingeordnet zu sein, hemmt die Lernmotivation
Die Studie der Universität Konstanz kommt zu dem Schluss: Wahrgenommene Ungerechtigkeit betrifft zwar keine Mehrheit, kann aber erhebliche Folgen haben. Denn wenn sich Schülerinnen und Schüler dauerhaft fehl am Platz fühlten – egal in welcher Schulart –, sind sie weniger motiviert zu lernen – und das verringert die Chancen auf einen gesellschaftlichen Aufstieg. Die Forschenden fordern deshalb frühere und transparentere Beratungsangebote – insbesondere für Familien mit Migrationsgeschichte.

