Stundenlang auf den Bildschirm des Smartphones starren, bis es ungesund wird: Das machen offenbar nicht nur Kinder und Jugendliche. Auch etwa jeder dritte Erwachsene zeigt ein problematisches Nutzungsverhalten. Je jünger diese sind, desto mehr neigen zu einem „suchtartigen und pathologischen Internetgebrauch“, heißt es in einer neuen Studie [externer Link].
Smartphone bei Erwachsenen: je jünger, desto süchtiger
Insbesondere die 18- bis 29-Jährigen (55 Prozent) nutzen ihr Smartphone so exzessiv, dass dies Merkmale von Sucht aufweist. Bei den 30- bis 39-Jährigen sind es 40 Prozent, unter den 60- bis 65-Jährigen immerhin noch 15 Prozent. Männer sind mit 32 Prozent im Durchschnitt häufiger betroffen als Frauen (29 Prozent). Die Autoren der Studie betonen allerdings: Diese Werte stellen keine klinische Diagnose einer Suchterkrankung dar. Ihre Ergebnisse beruhen auf Auswertungen von Fragebögen.
Im Mittel hatten die rund 1.300 Teilnehmenden ihren Bildschirm knapp viereinhalb Stunden pro Tag aktiviert. Besonders abends waren sie online. „Wenn wir das auf eine Woche umrechnen, sind wir über 30 Stunden am Handy. Das heißt, wir haben einen ganz guten Teilzeitjob, den wir am Bildschirm verbringen“, sagt der Diplom-Psychologe Boris Gauß von der detoxi Health GmbH, die an der vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Studie beteiligt war. Er betont auch, dass dies nur der Durchschnittswert sei. Zum Teil gebe es „deutliche Ausschläge nach oben“, also Menschen, die ihr Handy täglich noch länger nutzten.
Smartphone-Nutzung: Im Durchschnitt alle elf Minuten eine Nachricht
Laut Analyse erhielten die Teilnehmenden im Durchschnitt 128 Mitteilungen am Tag, also etwa eine Nachricht alle elf Minuten. Zwischen 6 und 18 Uhr war die Taktung sogar noch dichter. „Das lenkt mich ab. Wenn ich weiß, dass ich nach jeder Ablenkung zehn Minuten brauche, bis ich wieder voll fokussiert bin, sieht man, dass das unseren Alltag massiv beeinträchtigt“, erklärt Gauß.
Rund ein Fünftel der Befragten gab an, die Smartphone-Nutzung habe Auswirkungen auf ihre Konzentration und Gesundheit. Die häufigsten Beschwerden, die sie angaben, waren Nacken- und Rückenbeschwerden sowie Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisprobleme. Aber auch schwerwiegendere gesundheitliche können bei exzessiver Handynutzung auftreten. So konnte das Forschungs-Team feststellen, dass etwa Angststörungen und Depressionen mit extremer Handynutzung zusammenhängen können.
Smartphone-Nutzung: Daten per Fragebogen, App und KI
Für ihre Untersuchung stützen sich die Studienmacher auf mehrere Datenquellen: Zu Beginn und am Ende der Studie beantworteten die Teilnehmenden Fragebögen zu ihrem Smartphone-Verhalten und ihrer psychischen Gesundheit. Gleichzeitig erfasste eine Studien-App rund zwei Wochen lang deren Smartphone-Nutzung. Neben der subjektiven Einschätzung der Teilnehmenden wurden die Daten noch aufbereitet und mithilfe von KI analysiert.
Ziel der Studie: Mehr Bewusstsein über Smartphone-Nutzung
Ziel der Studie beziehungsweise der Datenerhebung für das Projekt namens „KI-basiertes Verfahren zur Bestimmung der Qualität des Smartphone-Nutzungsverhaltens (KiQuNu)“ sei es, „die Risiken digitaler Mediennutzung sichtbar zu machen“, sagt der Psychologe Gauß. Er denke „am Ende“ an die Entwicklung eines Produkts, etwa einer App, die dem Nutzer zeigt, wie hoch sein Risiko für ein problematisches Smartphone-Nutzungsverhalten ist. Langfristig könnten die Forschungsergebnisse Menschen also dabei unterstützen, ihre Smartphone-Nutzung besser einzuschätzen und ihr Verhalten entsprechend anzupassen.
Es gehe in diesem Zusammenhang auch „um die Frage: Wie können wir unsere psychische Gesundheit vor negativen Folgen der Smartphone-Nutzung schützen?“, betont Julia Brailovskaia vom Lehrstuhl Klinische Psychologie und Psychotherapie der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Smartphone-Nutzung und psychische Gesundheit im digitalen Alltag.
Man müsse den Smartphone-Nutzern zeigen, wie lange sie ihr digitales Gerät nutzen, „denn viele Menschen unterschätzen die Nutzung“, gibt Brailovskaia zu bedenken. Vielen sei auch noch gar nicht klar, dass es einen Zusammenhang zwischen Smartphone-Nutzung und psychischer Gesundheit gebe.

