Wie würde die Welt ohne Menschen aussehen? Dieses Gedankenexperiment wagt der Wissenschaftspodcast „IQ“ in „Welt ohne Menschen“ und spielt mit Experten verschiedene Szenarien durch. Aus welchen Gründen auch immer: Wäre die Menschheit von jetzt auf gleich von der Erde verschwunden – das würde in der Natur und in unseren Städten passieren.
Wenn Menschen von der Erde verschwinden, erobern Tiere und Pflanzen die Städte
Tiere und Pflanzen reagieren sofort auf das Verschwinden des Menschen. „Tiere sind natürlich super kompetent in der Einschätzung ihrer Umwelt und können blitzartig reagieren, also sich innerhalb von Tagen umstellen und anpassen“, sagt Dag Encke, Biologe und Direktor des Tiergartens Nürnberg.
Ratten fressen unsere Lebensmittel und vermehren sich rasant. Füchse, Marder und Waschbären ziehen durch die Stadt. Ein „Fest der Wildtiere“, die vom Wald in die Städte wandern, beschreibt Encke. „84 Prozent der Biomasse sind Pflanzen, die werden erstmal die Städte erobern, sich alle Lebensräume zurückholen, wo sie künstlich durch den Menschen ausgeschlossen wurden“, erklärt Encke. Binnen Tagen und Wochen sprießt das Grün aus Ritzen und Fugen, Gärten und Parks werden zu Weiden und neuen Habitaten.
In einer Welt ohne Menschen müssen Nutztiere und Haustiere allein überleben
Ist kein Mensch mehr da, müssen Nutztiere und Haustiere in die Freiheit entkommen. Wenn sie in der neuen Wildnis körperlich zum Überleben in der Lage sind, können sie die Quellpopulation einer neuen Tierwelt werden. „Da geht es wirklich um die physiologischen Züchtungen. Kann sich eine Legehenne noch bewegen? Nein – also die wird sterben“, meint Dag Encke.
Tiere, die es schaffen, verwildern schnell: „Angefangen von den Straßenhunden bis hin zu Ziegen, die irgendeinem Bauern entlaufen und die innerhalb von zwei Wochen nicht mehr zu fangen sind, weil die sich einfach wie wilde Ziegen verhalten“, sagt Encke. Langfristig entstehen neue Arten, andere verschwinden – durch harten Selektionsdruck. „Die Natur ist in der Hinsicht ziemlich brutal“, konstatiert der dänische Ökologe Jens-Christian Svenning.
Apokalypse auf der Erde ohne Menschen: Kernschmelze in Atomkraftwerken
Schon wenige Tage nach dem Verschwinden des Menschen bricht auf der Welt das Stromnetz zusammen. Auch die Tanks der Generatoren, die den Notstrombetrieb sicherstellen, sind nach einiger Zeit leer. Dadurch fällt in Atomkraftwerken über kurz oder lang die Kühlung aus, erklärt Jan Klebert von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Köln. Brennstäbe überhitzen, es kommt zur Kernschmelze und zur Freisetzung radioaktiver Stoffe – in hunderten kommerziell betriebenen Leistungsreaktoren weltweit. Die Radioaktivität wird sich noch nach Jahrtausenden nachweisen lassen.
Städte in einer Welt ohne Menschen: Gebäude stürzen nach wenigen Jahrzehnten ein
Wenn Menschen Infrastruktur und Bauwerke nicht instand halten, sind die Städte nach wenigen Jahrzehnten grün – und die Gebäude baufällig. Fassaden sind von Efeu und wildem Wein überzogen, die über Fenster und Ritzen in Häuser eindringen. Über undichte Dächer gelangt Wasser in die Gebäude, Moos und Schimmel breiten sich aus. Kurzschlüsse und Blitze lösen Brände aus, umstürzende Bäume zerstören Mauern. Und selbst mächtige Stahlbetonbauten geben irgendwann nach: „Der pH-Wert nimmt sukzessive im Beton ab“, erklärt der Zementexperte Bastian Raab von der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm. Dadurch verliert der Stahl seinen Korrosionsschutz. Abplatzungen, Risse und schließlich Tragfähigkeitsverlust folgen – bis das Bauwerk einstürzt.
Bei vielen Stahlbeton-Bauten ist die Lebensdauer auf 50 bis 100 Jahre angesetzt. Windkrafttürme aus Spezialbeton sind für eine Haltbarkeit von 200 Jahren konzipiert. Mehrere Jahrhunderte oder gar Jahrtausende werden diese Bauten nicht überdauern.
Die Menschheit verschwindet von der Erde, Kunststoffe bleiben noch Millionen Jahre
Würden wir Menschen jetzt einfach von der Welt verschwinden, wären rund 1.000 Jahre später die meisten Spuren der menschlichen Zivilisation verwischt. In Ozeanen, Flüssen, Böden, im Eis und in den Ruinen einstiger Städte wären jedoch noch lange Zeit Hinweise auf die frühere menschliche Existenz zu finden: Kunststoffe.
Selbst „kurzlebige“ Kunststoffe werden noch in Tausenden Jahren nachweisbar sein, „manche Kunststoffe bis zu Millionen Jahren“, sagt Kunststoffexperte Marco Wacker vom Kunststoffcampus in Weißenburg. UV-Strahlung, Wasser und mechanische Belastung zerkleinern die Polymerketten nach und nach. „Die Bauteile werden immer kleiner, dann vielleicht versickern und irgendwann im Sediment liegen“, erklärt Wacker. „Und wenn wir nicht mehr da sind, wird man eben auch auf die ein oder anderen Rückstände aus unserer Generation treffen – wie wir halt jetzt aktuell Fossilien finden.“
Podcast-Tipp „Welt ohne Menschen“: Was wäre, wenn es uns nie gegeben hätte – oder wir plötzlich alle von der Erde verschwinden würden?
🎧 Der dreiteilige Podcast „Welt ohne Menschen“ macht genau dieses Gedankenspiel und nimmt die HörerInnen mit auf eine fantastische Reise in die Vergangenheit und Zukunft – ohne Menschen! Mithilfe von Studien und Wissenschaftlern wird durchgespielt, was wirklich wäre, wenn … Drei spannende Folgen im Podcast „IQ – Wissenschaft und Forschung“ in ARD Sounds hier anhören.

