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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Wie kommt die Verfassungsviertelstunde in Schulen an?
Wissen

Wie kommt die Verfassungsviertelstunde in Schulen an?

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 11. Januar 2025 16:48
Von Michael Farber
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5 min. Lesezeit
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Seit Jahren schneiden Bayerns Schulen bei der politischen Bildung im bundesweiten Vergleich am schlechtesten ab, wie eine Studie der Universität Bielefeld 2022 (externer Link) feststellte. Das soll sich ändern. Mit fünfzehn Minuten Unterricht pro Woche will die bayerische Staatsregierung in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spaltung die Demokratiebildung von Schülerinnen und Schülern stärken. Vor einem Jahr wurde die Verfassungsviertelstunde (externer Link) geplant, zu Beginn des Schuljahres 2024/2025 startete das Projekt. Nun liegen erste Erfahrungen vor.

Inhaltsübersicht
Grundschüler freuen sich über die VerfassungsviertelstundeUmsetzung ist Sache der LehrkräfteSind 15 Minuten zu wenig?Pfiffige Idee mit MängelnLehrkräfte brauchen mehr Unterstützung

Grundschüler freuen sich über die Verfassungsviertelstunde

An der Münchner Grundschule Berg am Laim besuchen 600 Kinder aus mehr als 80 Nationen den Ganztagsunterricht. Das Schülerparlament wird bei wichtigen Entscheidungen für das Schulleben gefragt und kann Anliegen der Klassen vortragen, beispielsweise neue Radständer.

Die Viertklässlerin Nora findet, das sei eine gute Sache. Die Kinder würden sich jetzt selbst darum kümmern, dass Regeln eingehalten würden. Es mache Spaß, wenn man mitbestimmen dürfe. Auch Schulleiter Michael Hoderlein hält die Verfassungsviertelstunde für sinnvoll für die Demokratieerziehung.

Umsetzung ist Sache der Lehrkräfte

Seit diesem Schuljahr ist die Verfassungsviertelstunde für alle Schulen in Bayern Pflicht – jedoch nicht für alle Jahrgangsstufen. In der Grundschule findet sie bislang nur in den Klassen 2 und 4 statt, in der Mittel- und Realschule in der 6. und 8. Klasse, am Gymnasium in der 6., 8. und 11. Klasse.

Die Verfassungsviertelstunde soll kein 15-minütiger Fachunterricht an einem festen Wochentag sein, sondern ein Bildungs-Schwerpunkt, der anhand praktischer Beispiele aus dem Lebensalltag der Schülerinnen und Schüler Demokratie und Werte behandelt und diskutiert. Wie die Verfassungsviertelstunde in den verschiedenen Altersstufen und Fächern wie Deutsch, Mathe oder Sozialkunde konkret umgesetzt wird, ist den Schulen selbst überlassen. So halten die Kinder der Berg-am-Laim Grundschule ihre Klassensprecherwahlen mit selbstgebastelten Wahlkabinen und Wahlurnen ab und engagieren sich in AGs. Auch Rollenspiele zu Grundrechten, Nachrichten zu Kriegen und Konflikten auf dem Schulhof können Inhalte der Verfassungsviertelstunde sein. Noten gibt es dafür keine.

Sind 15 Minuten zu wenig?

Peter Koch vom Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft der Universität München arbeitet derzeit als Deutschlehrer. In der 10. Klasse kann er in diesem Schuljahr insgesamt zwei Demokratie-Stunden abhalten.

Zu wenig für aktuelle Themen, findet Koch. Etwa, dass der Meta-Konzern die Zusammenarbeit mit Faktencheckern bei Instagram und Facebook beendet hat. Wichtig sei ein fachübergreifender Ansatz in Deutsch, Englisch, Ethik, Geschichte, Politik, Mathematik und Informatik, um herauszufinden, was es bedeutet, wenn soziale Medien sich dem Faktenüberprüfen entziehen. Dennoch erlebe er die Verfassungsviertelstunde als bereichernde neue Ebene im Austausch mit den Schülern, so Koch.

Pfiffige Idee mit Mängeln

Der Bildungsforscher Klaus Zierer von der Universität Augsburg hält die Idee der Verfassungsviertelstunde für eine „pfiffige Idee“, weil so das wichtige Thema Demokratiebildung in die öffentliche Diskussion gebracht wurde. Doch eine Viertelstunde sei dafür nicht genug. Damit die Schulen diese wichtige Aufgabe vernünftig umsetzen könnten, müsse an anderer Stelle etwas aus dem Lehrplan herausgenommen werden.

Zwar laufe die Verfassungsviertelstunde an vielen Schulen gut, an anderen dagegen nicht so gut. Das hänge stark von den einzelnen Lehrerinnen und Lehrern ab, so Zierer. Der Erziehungswissenschaftler kritisiert, dass etwa ein falsch verstandenes Neutralitätsgebot dazu führen könne, dass Lehrkräfte im Konfliktfall antidemokratischem Verhalten oder Rassismus nicht entschieden entgegenträten. Sie müssten geschult und gestärkt werden. Bislang fehle auch die wissenschaftliche Begleitung für die Umsetzung dieser neuen Aufgaben, auch beim Einsatz digitaler Tools, so Zierer.

Lehrkräfte brauchen mehr Unterstützung

Politikwissenschaftler Koch berichtet, dass viele Lehrkräfte bei der fachfremden Vermittlung demokratischer Prinzipien überfordert seien. Gerade für kontroverse Diskussionen in den Klassen, bei Provokationen, rassistischen oder verfassungsfeindlichen Aussagen einzelner Schüler wünschten sich seine Kollegen mehr Unterstützung.

Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus plant in diesem Schuljahr die Auswertung der bisherigen Erfahrungen. Zum Schuljahr 2025/2026 soll die Verfassungsviertelstunde auf weitere Jahrgangsstufen ausgeweitet werden.

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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