Eigentlich wollen viele weg – von der Datensammelwut, von Plattformen, die der psychischen Gesundheit schaden oder sogar die Demokratie gefährden. Doch der Schritt fällt im Alltag schwer: Der Klassenchat läuft nun mal über WhatsApp, die Vereinsnews stehen auf Facebook und wer nicht dort ist, bekommt nichts mit. Man will weg, kann aber nicht, zu hoch die technischen und sozialen Hürden.
Genau dieses Problem will nun eine neue Initiative lösen. Statt gegenüber der Übermacht großer US-Plattformen in Resignation zu verfallen, setzten die Initiatoren auf einen konstruktiven Gegenentwurf. Das Ziel ist kein radikaler Totalverzicht von heute auf morgen, sondern ein regelmäßiges Ritual: Am ersten Sonntag eines jeden Monats sollen Nutzer gemeinsam einen konkreten Schritt weg von kommerziellen Datensammlern und hin zu datenschutzfreundlichen Alternativen machen. Der 4. Januar 2026 markiert den Startschuss für diesen „Digital Independence Day“.
Den Netzwerkeffekt gemeinsam nutzen
Der Kern des Problems ist oft nicht die Technik, sondern die Trägheit der Masse. Ein Dienst funktioniert sozial meist nur dann gut, wenn auch Freunde und Familie dort erreichbar sind, Experten nennen das den Netzwerk-Effekt (externer Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt). Genau hier setzt die Initiative an. Wenn viele Menschen gleichzeitig wechseln, sinkt die Hürde für den Einzelnen. Statt alleine auf einer leeren Plattform zu stranden, zieht man gemeinsam mit anderen um.
Kochrezepte für den Software-Wechsel
Um die technische Hürde so niedrig wie möglich zu halten, setzen die Macher auf sogenannte „Wechselrezepte“ (externer Link). Diese Anleitungen sind bewusst einfach gehalten und erinnern an Kochbücher: Sie listen die „Zutaten“, die benötigte Zeit und den Schwierigkeitsgrad auf. Ein Rezept beschreibt beispielsweise Schritt für Schritt den Weg vom kommerziellen Messenger hin zu einer sicheren Alternative.
Der Vorteil für den Nutzer liegt auf der Hand: Die mühsame Recherche entfällt, man kann die Anleitung direkt abarbeiten. Ergänzend wird auf Übersichtsseiten verwiesen, die europäische und datensparsame Dienste kategorisieren.
Ein Neuanfang ohne Umzugswagen
Wer die Plattform wechselt, muss allerdings trotzdem ein bisschen Geduld mitbringen. Bei den großen sozialen Netzwerken gibt es keinen echten Umzugsservice. Zwar lassen sich Fotos oder Texte oft exportieren, aber die aufgebaute Reichweite und die Vernetzung mit anderen Nutzern bleiben im alten System zurück. Ein Wechsel bedeutet in der Praxis fast immer einen Neustart auf der grünen Wiese. Der alte Account dient dann oft nur noch als Wegweiser zur neuen digitalen Adresse.
Auch finanziell ändert sich manches: Während die großen Plattformen mit Nutzerdaten bezahlen lassen, sind Alternativen oft spendenfinanziert oder kosten einen kleinen Betrag, um werbefrei zu bleiben.
Hilfe vor Ort in Bayern
Wer den technischen Wechsel nicht allein am heimischen Computer vollziehen möchte, findet vielerorts direkte Unterstützung. In ganz Deutschland (externer Link) bieten Ehrenamtliche begleitende Workshops an – auch in Bayern. Laut den Veranstaltungslisten finden beispielsweise in München, Regensburg, Würzburg, Coburg und Backnang Treffen statt. Dort helfen Experten ganz praktisch bei der Installation neuer Betriebssysteme oder Messenger-Apps und beantworten Fragen.
Realistische Ziele statt Open-Source-Utopie
Dabei geht es den Initiatoren nicht um starre Tech-Dogmen oder einen kompletten Ausstieg über Nacht. Ziel ist vielmehr, die persönliche Abhängigkeit in zentralen Bereichen wie Browsern, E-Mail, Messengern oder Betriebssystemen Schritt für Schritt zu verringern. Es ist der Versuch, durch bewusste und machbare Aktionen die Hoheit über die eigenen Daten zurückzugewinnen, ohne dabei den Anschluss an die digitale Welt zu verlieren.

