Zwei Kännchen mit Inhalt auf einem Tablett: Das ist komplexe Physik! In der Kita Bärenstark in Nürnberg zeigt Erzieherin Doris Gutknecht ein Experiment für Kinder. In einem der Kännchen sind kleine Glöckchen – Überbleibsel von Weihnachten. Die schüttet sie in das andere Kännchen. Mit einem Klingelklirren fallen ein paar daneben. Mit diesem Experiment lernen die Kinder motorische Fähigkeiten: wie man schüttet, möglichst, ohne etwas zu verschütten. Sie lernen aber auch noch etwas anderes: Flussdynamik, die Fließeigenschaften von Flüssigkeiten oder eben den Glöckchen.
Frühkindliches Lernen zeigt später in der Schule große Wirkung
Wie wichtig solche frühkindlichen Lernerfahrungen sind, hat Jana Kähler untersucht. Die Expertin für naturwissenschaftliche Kompetenzentwicklung am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik hat Daten von Erstklässlern und Drittklässlern verglichen (externer Link). Das Ergebnis: Kinder, die am Anfang ihrer Schullaufbahn schon mehr naturwissenschaftliche Kompetenzen mitbrachten, hatten auch in der 3. Klasse einen Vorsprung. Die vor der Schulzeit erworbenen Fähigkeiten wirken also lange nach, der gleiche Schulunterricht für alle kann diese Unterschiede nicht ausgleichen.
Dass die Kinder später besser in etwas sind, was sie vorher schon gelernt haben, klingt zunächst selbstverständlich. Forscherin Kähler überraschte vor allem, wie groß dieser Einfluss ist. Andere Faktoren und Indikatoren wie der Bildungsstand der Eltern hatten dagegen einen weitaus geringeren Einfluss auf die Entwicklung in den ersten drei Schuljahren.
Viel Verantwortung für Erzieherinnen und Erzieher
Die Daten zeigen, wie wichtig die frühkindliche Erziehung ist, zu der eben auch die Zeit im Kindergarten gehört. Das bedeutet auch, dass den Erzieherinnen und Erziehern in Kitas eine wichtige Rolle zukommt. Zwar sind Naturwissenschaften Teil der Berufsausbildung von Erzieherinnen und Erziehern, beispielsweise im bayerischen Lehrplan der Fachakademien (externer Link). Und im Erziehungsplan für Kitas sind praxisnahe Beispiele enthalten, zum Beispiel für spielerisches Lernen – beim Nachspielen eines Schuhgeschäfts und dem Messen von Schuhgrößen. Trotzdem braucht es auch Erwachsene, die sich selbst für Naturwissenschaften begeistern.
Die Bildungswissenschaftlerin Sofie Areljung von der Universität Umeå in Schweden meint, es sei manchmal sehr schwer, einfache Dinge zu lehren. Das bedürfe gerade bei sehr jungen Kindern besonderer Kompetenzen. „Es kann einfach sein, das Archimedische Prinzip [Auftriebskraft, Anm. d. Red.] zu erklären. Es Kinder wirklich selbst erkunden zu lassen, kann dagegen anspruchsvoll sein“, sagt Areljung. Ihr Ansatz ist: Physikalische Phänomene im Alltag der Kinder zu identifizieren. Das funktioniere über Verben wie „fallen, rollen, drehen, schaukeln“, zum Beispiel, wenn ein Kind auf der Schaukel sitzt. Für die Erzieher sei das wie ein Eingangstor zu naturwissenschaftlichen Themen. Ähnliche Beispiele gibt Areljung für Chemie und Biologie.
Biologie im Kindergarten: Wo ist beim Regenwurm vorne und hinten?
In der Nürnberger Kita Bärenstark steckt die Biologie nicht nur im Namen. Erzieherin Doris Gutknecht traut sich auch an solche Themen ran. Vor nicht allzu langer Zeit hatten sie einen Regenwurm im Kita-Zimmer – überraschenderweise, wie Gutknecht sagt. „Wir haben uns den Wurm natürlich genau angeschaut. Wo ist vorne, wo ist hinten? Was fressen Regenwürmer? Haben Regenwürmer Augen? Hören Regenwürmer was? Und dann finden wir eben heraus, wo denn vorne und wo hinten ist.“
Es geht also nicht um hochkomplexe Wissenschaft. Es geht um einfache Fragen, um selbstverständliche Zusammenhänge und um das gemeinsame Erleben. Und im besten Fall lernen Eltern und Erzieherinnen dabei auch noch etwas.

