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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Das Wesen des Menschseins – „Hamnet“ von Chloé Zhao
Kultur

Das Wesen des Menschseins – „Hamnet“ von Chloé Zhao

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 21. Januar 2026 16:48
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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Es ist Liebe auf den ersten Blick, wenn auch erst nur einseitig: Als der vom Unterricht gelangweilte Lateinlehrer Will erstmals die ätherisch anmutende Agnes mit einem domestizierten Falken auf dem Arm aus dem Wald treten sieht, ist es um den 18-Jährigen geschehen. Obwohl die acht Jahre ältere Tochter eines Gutsbesitzers das offensive Werben des Heißsporns zunächst abzuwehren versucht, entdecken die beiden Außenseiter schnell ihre Seelenverwandtschaft. Kurz darauf heiraten sie gegen den Willen der Eltern und bekommen sechs Monate nach der Hochzeit ihr erstes Kind.

Inhaltsübersicht
Eine Reflektion über Liebe, Tod und TrauerAgnes bleibt allein mit ihrer TrauerJessie Buckley und Paul Mescal mit oscarreifen Darstellungen

Eine Reflektion über Liebe, Tod und Trauer

Fakten und Fiktion gehen Hand in Hand in „Hamnet“, einem traumwandlerisch-poetischen Drama über die Entstehung eines der berühmtesten Werke der Weltliteratur: „Hamlet“ von William Shakespeare. Oft wird der zwischen 1601 und 1602 fertiggestellte Text als Rachetragödie charakterisiert. Hier jedoch ist es eine Reflektion über Liebe, Tod und Trauer und der Versuch, einen furchtbaren Verlust zu verarbeiten: den plötzlichen Tod eines leiblichen Kindes.

Wenig ist bekannt über die Ehe von William Shakespeare und Anne Hathaway, die hier Agnes heißt, weil ihr Vater sie so nannte. Sie war älter als ihr Mann, sie hatten drei Kinder, ihr einziger Sohn Hamnet starb 1596 im Alter von elf Jahren. Historische Belege, wie dieses tragische Ereignis die Familie beeinflusst hat, gibt es nicht. Geht es nach Filmemacherin Chloé Zhao und Bestsellerautorin Maggie O’Farrell, war es einer der Gründe für die zerrüttete Ehe, von der die Literaturwissenschaft berichtet. Und das Fundament für einen kathartischen Prozess, der Parallelen zur griechischen Mythologie hat.

Agnes bleibt allein mit ihrer Trauer

Im Gegensatz zur Romanvorlage erzählen Zhao und O’Farrell in ihrem gemeinsam verfassten Drehbuch die Ereignisse chronologisch. Früh schon werden Will und Agnes als Wiedergänger von Orpheus und Eurydike etabliert. Der griechische Dichterkönig, der mit seiner Laute sogar die Götter verzaubern konnte, war mit einer Waldnymphe verheiratet und verlor seine große Liebe durch einen törichten Fehler.

Auch die naturverbundene Agnes versinkt nach Hamnets Tod in der mentalen Unterwelt, ist allein mit ihrer Trauer, während Shakespeare in London seine Karriere weiterverfolgt. Doch wie Orpheus besitzt er die Gabe, mit seiner Kunst Kummer zu vertreiben. Und so kulminiert der Film in einer emotionalen 20-minütigen Schlusssequenz, in der Will seine Trauer und Schuldgefühle auf der Bühne verarbeitet und Agnes während der Premiere von „Hamlet“ Zeugin davon wird, wie ihr Sohn in die Ewigkeit überführt wird.

Jessie Buckley und Paul Mescal mit oscarreifen Darstellungen

Die gesellschaftlich forcierte Unterdrückung von Gefühlen habe eine lange Geschichte, erklärt Zhao ihre Beweggründe und die Herangehensweise an den komplexen Stoff. In ihrem Film ist die Frage über Sein oder Nichtsein nicht nur eine Entscheidung zwischen Weitermachen oder Aufgeben, sondern auch über das Zulassen natürlicher Prozesse.

Entsprechend ist „Hamnet“ auch ein Plädoyer für ungefilterte Emotionen. Dieser Ansatz hat die Hauptdarsteller Jessie Buckley und Paul Mescal zu oscarreifen Darstellungen angetrieben, die so virtuos und roh sind, dass es ebenso weh wie gut tut. Der Rest ist Schweigen, Schniefen und Wundern über die große Kunst der Chloé Zhao, die erneut das Wesen des Menschseins so nachempfindbar macht wie kaum jemand sonst.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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