„Für uns als Energie-Supermacht, die nun gezwungen ist, Benzinimporte in Betracht zu ziehen, um den Inlandsbedarf zu decken, ist das eine moralische Katastrophe. Es gibt Öl, Raffinerien und eine Infrastruktur für Exporte, aber Benzin ist trotzdem knapp“, so der russische Politologe Ilja Graschtschenkow [externer Link], der mit seinen täglichen Einschätzungen 160.000 Fans auf dem Laufenden hält. Für Putin werde die durch ukrainische Drohnenangriffe verursachte Krise zu einer „gefährlichen Herausforderung“, so der Experte.
„Das Hauptrisiko liegt hier nicht in der Knappheit selbst, sondern im Vertrauensverlust gegenüber beschwichtigenden Aussagen [des Kremls]. Benzin ist ein politisch sensibles Gut“, so das Fazit von Graschtschenkow. Es gehe um eine „Bewährungsprobe für die Fähigkeit des Staates, eine Krise zu bewältigen, die nicht nur die abstrakte Volkswirtschaft, sondern den Alltag“ beeinträchtige.
Putin: „Alles funktioniert zuverlässig“
Putin hatte behauptet, die russischen Benzin-Reserven seien nur leicht rückläufig [externer Link]: „Wir verzeichnen derzeit einen gewissen Engpass, der aber, wie ich Ihnen gleich sagen kann, nicht kritisch ist. Alles funktioniert zuverlässig und mit einem hohen Sicherheitsspielraum.“ Gleichwohl ereiferte sich der Präsident darüber, dass die Ukraine mit ihren Drohnen-Angriffen „Unsicherheit“ verbreiten und eine „Spaltung der russischen Gesellschaft“ bewirken wolle.
„Schleichende Antikriegs-Revolte“
Der eine oder andere russische Beobachter vergleicht Putin [externer Link] bereits mit der französischen Königin Marie Antoinette (1755 – 1793), die der hungernden Bevölkerung einer Legende zufolge geraten haben soll, sie möge doch „Kuchen essen, wenn sie kein Brot“ habe.
Hermann Gref, der einflussreiche Chef der russischen Sber-Bank, warnte derweil seine Mitarbeiter und Kunden [externer Link] vor unkalkulierbaren Verhältnissen: „Wir werden ab jetzt in Zeiten völliger Unsicherheit leben. Es ist singulär, wenn ein Planungshorizont gleich oder nahe Null ist. Daher sollten wir ganz generell den heutigen Tag genießen, denn wir haben diesen [extrem kurzfristigen] Planungshorizont.“ Jeder in Russland sehne sich nach einem „schnellen Kriegsende“, so Gref.
Diese und ähnliche Äußerungen bezeichnete Blogger Stanislaw Belkowskij als „schleichende Antikriegs-Revolte“ der Elite. Wirtschaftsjournalist Dmitri Drise stimmte Gref zu und staunte: „Man hatte angenommen, dass solche Aussagen aus einer derart hohen Position inakzeptabel sind.“
„Propaganda hat Konsumfülle stigmatisiert“
Politikwissenschaftler Dmitri Michailitschenko behauptete [externer Link], Russland sei auf dem besten Wege zurück zu den Zuständen in der Sowjetunion, als Waren generell knapp waren und gute Kontakte zu Lieferanten wichtiger waren als Geld: „Sich gesellschaftlich zu vernetzen wird zur Überlebensfrage (mit Analogien zur Sowjetzeit). Die Gesellschaft findet sich mit einer Realität ab, in der Komfort und Wahlfreiheit keine Selbstverständlichkeiten mehr sind.“
Ideologisch bereite der Kreml die Russen bereits auf Entbehrungen vor: „Konsumfülle ist durch die Propaganda längst stigmatisiert; sie gilt nicht mehr als erstrebenswert, obwohl die Gesellschaft weiterhin darauf ausgerichtet ist. Übermäßiger Konsum wird als unpatriotisch (wenn auch immer noch als prestigeträchtig) angesehen.“
„Informationen sind heutzutage Gold wert“
Wie die sozialistische „Mundpropaganda“ künftig funktionieren könnte, beschreibt Polit-Blogger Dmitri Sewrjukow [externer Link]: „Um rechtzeitig an der richtigen Tankstelle zu sein, braucht es mehr als nur Mobilität; man muss auch Insiderwissen darüber haben, wo in der Gegend tanken möglich ist und wie lang die Schlange ist. Solche Informationen sind heutzutage Gold wert und rar.“

