Bei den pflegenden Angehörigen zu kürzen, um die Pflegekassen zu retten? Kornelia Schmid hält von diesen Plänen wenig. „Bei uns hängen Menschenleben dran, versteht das denn niemand?“, so Schmid am Mittwochabend in der Münchner Runde im BR Fernsehen. Jahrzehntelang hat die Ambergerin ihren an Multiple Sklerose erkrankten Mann gepflegt. Sie musste ihn beispielsweise nachts stündlich umlagern.
„Es geht darum, dass Menschen in ihrer Scheiße zu Hause liegen“
Um für mehr Anerkennung und Unterstützung zu kämpfen, hat Schmid den Verein „Pflegende Angehörige e.V.“ gegründet. Dort erfahre sie täglich von den Sorgen und Nöten anderer Betroffener, was Schmid in der Münchner Runde emotional werden ließ. „Bei uns hängen Menschenleben dran, versteht denn das niemand?“, sagte sie mit Blick auf die möglichen Kürzungen für pflegende Angehörige im Rahmen der geplanten Pflegereform von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU).
Dort soll unter anderem bei den Rentenleistungen für pflegende Angehörige gespart werden. Das macht Kornelia Schmid wütend: „Es geht darum, dass Menschen in ihrer Scheiße zu Hause liegen.“ Täglich erhalte sie Nachrichten, E-Mails und Anrufe von pflegenden Angehörigen, die an der Belastungsgrenze sind. Ihr Appell an die Politik: „Es wird elend werden, wenn wir anfangen zu sparen: Das ist der falsche Weg.“
Situation in Pflegeheimen: „Dramatische Missstände“
Aufgrund der hohen Belastung pflegt Schmid ihren Mann mittlerweile nicht mehr zu Hause. Sie hat ihn in ein Pflegeheim gebracht. Doch auch das, so Schmid in der Münchner Runde, sei nicht leicht gewesen: „Wir haben von vier Heimen, drei schlechte Erfahrungen gemacht.“ Vor teils katastrophalen Situationen in Pflegeheimen warnte in der Münchner Runde auch die ehemalige Pflegedienstleitung Andrea Würtz. „Wir haben so viele dramatische Missstände“, so die examinierte Kinderkrankenschwester, die mittlerweile als Referentin und Autorin für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung kämpft.
Debatte um Situation in Bayerns Pflegeheimen
Bundesweit bekannt wurde Andrea Würtz als Whistleblowerin, die 2021 dazu beitrug, dass die katastrophalen Zustände eines privaten Altenheims im Landkreis Miesbach an die Öffentlichkeit gebracht wurden. Die BR-Recherchen zeigten, dass Bewohner dort teilweise unterernährt, dehydriert und verwahrlost zurückgelassen wurden. In der Münchner Runde geriet Würtz deshalb auch mit Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) aneinander. „Es gibt immer ein paar schwarze Schafe, aber die allermeisten Heime arbeiten mit bestem Wissen und Gewissen für die Menschen“, so die CSU-Politikerin Judith Gerlach. Die Gesundheitsministerin nahm Bayerns Pflegeheime in Schutz und kritisierte, dass Andrea Würtz von einem Fall auf alle schließe.
Pflege-Vorbild Dänemark?
Anstatt weitere Einsparungen vorzunehmen, um die Pflegekassen zu entlasten, forderte Würtz grundlegendere Reformen. Deutschland könnte sich an anderen Ländern orientieren, statt an seinem veralteten Pflegesystem festzuhalten. „Kein Land auf dieser Welt finanziert Pflege so isoliert wie wir“, so die ehemalige Pflegedienstleiterin. Ein Vorbild könne zum Beispiel Dänemark sein. Dort wird das Pflegesystem mit Steuereinnahmen finanziert – wodurch das Problem der leeren Pflegekassen im umlagefinanzierten System laut Andrea Würtz weniger stark ins Gewicht falle.
Verein „Pflegende Angehörige“ fordert: Mehr Investitionen
Das könnte auch pflegende Angehörige wie Kornelia Schmid entlasten. In der Münchner Runde forderte sie, dass die Politik nicht kürzen, sondern mehr für Betroffene tun müsse. Denkbar wäre zum Beispiel, in gesundheitliche Prävention für pflegende Angehörige zu investieren. „Wenn ich Rückengymnastik mache, dann muss der Pflegebedürftige betreut werden“, so Schmid – die durch die Pflege ihres kranken Mannes gesundheitlich gelitten hat. „Ich bin krank geworden“, sagte Schmid in der Münchner Runde. Besonders die Pflege in der Nacht habe bei ihr Schlafstörungen verursacht, die bis heute anhalten. Warum sie trotzdem so lange durchgehalten und ihren kranken Mann gepflegt hat? Kornelia Schmid: „Liebe. Das ist es bei den meisten.“

