Hirschegg im Kleinwalsertal, Österreich. Generationen von Schülern fahren hierher, um Skifahren zu lernen, Sport und Gemeinschaft zu erleben. Aber für den zwölfjährigen Eren aus Memmingen, der eigentlich anders heißt, wird der Ort zum Tatort, das Skilager zur Hölle.
Eren wurde im Februar dieses Jahres dort tagelang gequält, körperlich und psychisch. Die Polizei ermittelt gegen Erens Mitschüler wegen des Anfangsverdachts der Nötigung, Körperverletzung und der Verletzung des Intimbereichs durch Bildaufnahmen. Und kein Lehrer scheint etwas mitbekommen zu haben.
Was wirklich passiert sein soll, kommt erst acht Wochen nach der Klassenfahrt heraus, am Elternsprechtag. Die Klassenlehrerin informiert Erens Mutter. Zuvor glaubt sie Erens Erzählung, er habe sich mehrfach gestoßen. Dann nimmt sie sich einen Anwalt: Familie S. gegen – ja, gegen wen eigentlich? Die mutmaßlichen Täter, Erens Mitschüler, ein Afghane und ein Syrer, sind beide 13 Jahre alt und damit strafunmündig. Erst mit 14 können sie strafrechtlich belangt werden.
Bayern: Anstieg der Fälle von Schulgewalt um 36 Prozent
Anwalt Detlef Kröger sieht hier Handlungsbedarf beim Gesetzgeber. Die erste Maßnahme wäre in seinen Augen, die Strafmündigkeit zu senken. Immer mehr Intensivtäter seien unterhalb „der magischen Grenze von 14 Jahren“, sagt Kröger im BR-Politikmagazin Kontrovers. Da könne der Staat nicht sagen: „Wir verwalten die Misere.“
Eren ist kein Einzelfall. Auch Paul, der eigentlich einen anderen Namen hat, erlebte körperliche Gewalt an seiner Schule. Paul besucht das Dossenberger Gymnasium in Günzburg. Es habe im vergangenen Jahr mit einem Wortgefecht begonnen und damit geendet, dass Paul verprügelt worden sei, so seine Mutter. Sie sucht das Gespräch mit der Schule. Wie ihr dort begegnet wird, empfindet sie als Demütigung.
Simone Fleischmann: Jeder einzelne Fall ist einer zu viel
Im Kontrovers-Interview verweist Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), auf den Erziehungsauftrag an den Schulen. Jeder einzelne Fall sei einer zu viel und dürfe nicht passieren, aber: „Wir sind manchmal nicht in der Lage, alles mitzukriegen.“ Deshalb müssten Lehrer enger zusammenarbeiten mit Eltern, so Fleischmann weiter.
Im Zeitraum von 2022 bis 2024 stieg die Zahl der Fälle von Schulgewalt in Bayern von 2.228 auf 3.030. Eine Zunahme von 36 Prozent. Gleichzeitig mangele es aber auch an Lehrpersonal: „Wir haben im September 500 (…) Mittelschullehrer zu wenig im System. Wie sollen wir denn mit zu wenigen mehr Probleme lösen? Wir geben schon alles“, sagt Fleischmann.
Die Pädagogin sieht verschiedene Ursachen für die gestiegene Gewalt: Wir erlebten derzeit Polykrisen, und Schule sei ein Brennglas der Gesellschaft. Auch den Kindern fehle die Resilienz. Sie erlebten Gewalt in Medien, in der Familie, unter Freunden. Oft fehle ihnen eine Handlungsalternative, erklärt die BLLV-Präsidentin.
Im Video: Kontrovers-Interview mit Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV)

