Seit Mitte Juni 2026 hat die deutsche Politik einen neuen Aufreger: Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) hat fünfmal an „Dialog“ teilgenommen, einem vertraulichen Treffen, das der US-Milliardär Peter Thiel 2006 mitbegründet hat. Auch der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), ein persönlicher Freund Thiels, taucht in geleakten Unterlagen als Gast früherer Runden auf.
Ausgelöst wurde die Debatte durch ein Datenleck. Eine Schweizer Hacktivistin entdeckte eine fehlerhaft konfigurierte Website, über die sich Teilnehmerlisten und die Agenda eines für August 2026 geplanten Treffens abrufen ließen.
Die Schlagzeilen fielen entsprechend alarmistisch aus: Es war von einem „Geheimbund“ die Rede und von einer „Geheimgesellschaft“, von reichen Leuten, die sich hinter verschlossenen Türen die Welt so machen, wie es ihnen gefällt. Die „taz“ verortete Spahn in „antidemokratischen Kreisen“, LobbyControl warnte vor einem gefährlichen Spiel mit der Demokratie. Bei näherem Hinsehen spricht allerdings vieles dafür, dass „Dialog“ weniger eine Verschwörung als vielmehr eine exklusive Tech- und Ideenkonferenz ist, die gezielt mit dem Reiz des geheimnisvollen spielt.
Ein bekanntes Muster aus dem Silicon Valley
Wer die Kultur des Silicon Valley kennt, stößt schnell auf ähnliche Veranstaltungen. Im südlichen Teil der San Francisco Bay Area hat sich ein ganzes Ökosystem exklusiver Veranstaltungen entwickelt, angefangen bei Burning Man über die Konferenzen der Effective-Altruism-Bewegung bis hin zu Treffen der Rationalisten-Szene und Zukunftskonferenzen wie „Manifest“. Gemeinsam ist ihnen Technologie-Optimismus, die Lust, Tabus zu brechen, und das Selbstverständnis, an großen Fragen der Zukunft zu arbeiten. „Dialog“ wirkt wie die abgeschottete Luxusversion dieses Milieus: eine Art re:publica für eine kleine Zahl besonders einflussreicher Gäste.
Vor diesem Hintergrund liest sich auch die geleakte Agenda anders. Programmpunkte wie „Navigating WWIII“, „Build-a-Cult“ oder „How’s Your Sex Life?“ sollen provozieren und Aufmerksamkeit erzeugen. Die kalkulierte Grenzüberschreitung gehört dabei zum Konzept. Die Veranstaltung soll sich exklusiv, intellektuell waghalsig und ein wenig gefährlich anfühlen. Das mag man geschmacklos finden, ein Staatsstreich ist es deshalb noch nicht.
Pose statt Verschwörung
Drei Aspekte stützen diese Lesart. Erstens ist die Gästeliste erstaunlich vielfältig. Neben Trump-Schwiegersohn Jared Kushner und Senator Ted Cruz finden sich auf dieser auch der demokratische Senator Cory Booker, der progressive Journalist Ezra Klein und der Schauspieler Joseph Gordon-Levitt. Letzterer bezeichnete sich öffentlich sogar als das „politische und ideologische Gegenteil“ von Thiel.
Zweitens wirkt die Organisation weniger wie die Infrastruktur einer Geheimregierung als wie die eines exklusiven Mitgliederclubs. Interne Dossiers, Bewertungen von Teilnehmern, gestaffelte Gebühren und sogar eine Dating-Funktion erinnern eher an ein luxuriöses Netzwerkformat als an ein Machtzentrum im Verborgenen.
Drittens ist die Teilnahme gut vernetzter Politiker wenig überraschend. Spahn besuchte die Veranstaltung nach Angaben seines Büros zwischen 2018 und 2024 fünfmal und zahlte die niedrigen dreistelligen Gebühren selbst. Guttenberg steht auf einer Teilnehmerliste von 2014. Internationale Netzwerkpflege gehört zum Alltag von Spitzenpolitikern.
Wo die Kritik berechtigt ist
Ganz harmlos ist die ganze Sache aber dennoch nicht. Thiel hat mehrfach erklärt, er glaube nicht länger, dass Freiheit und Demokratie vereinbar seien. Angesichts seines politischen Einflusses, seiner Nähe zu US-Präsident Donald Trump und seiner Beteiligungen an Überwachungs- und Rüstungsunternehmen ist das mehr als bloße Provokation.
Deshalb fordern etwa die Grünen inzwischen umfassende Aufklärung. Parteichefin Franziska Brantner verlangt Auskunft darüber, welche Kosten entstanden und wer sie getragen hat. Ricarda Lang möchte zudem dass die besprochenen Inhalte offen gelegt werden. Auch SPD-Politiker äußern Kritik. Strafrechtliche Ermittlungen oder ein Untersuchungsausschuss gibt es bislang allerdings nicht.
Fazit
Die verfügbaren Informationen sprechen weniger für eine Weltverschwörung als für einen sehr exklusiven, bewusst provokanten Netzwerkclub. Der eigentliche Streitpunkt ist nicht die Existenz solcher Treffen, sondern die Verbindung zu Thiels demokratiekritischen Positionen und die Frage, wie viel Geheimniskrämerei sich Amtsträger leisten dürfen. Darüber lohnt sich eine Debatte. Die Vorstellung eines allmächtigen Geheimbunds erzählt dagegen mehr über unsere Faszination für Eliten als über das, was bei „Dialog“ tatsächlich geschieht.

