Bildungspflicht bedeutet: Kinder können auch zu Hause mit Eltern, Privatlehrern, Lernbegleitern oder online lernen und ihr Wissen dann bei zentralen Prüfungen nachweisen. Das ist in den meisten Ländern der Welt erlaubt. In Deutschland besteht Schulpflicht: Schüler müssen bis zur Volljährigkeit in einem Schulgebäude sitzen – zumindest für einige Stunden pro Tag. Präsenzpflicht gilt in Grundschulen, weiterführenden Schulen und Berufsschulen. Im Schuljahr 2025/2026 werden laut Statistischem Bundesamt [externer Link] rund 11,5 Millionen Schüler an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen sowie an Schulen des Gesundheitswesens unterrichtet.
In Deutschland gilt Schulpflicht mit Präsenz
Durch Schulpflicht samt Schulbesuch will der Staat sicherstellen, dass Heranwachsende in jedem Fall Zugang zu Bildung bekommen. „Mit einer Schulpflicht garantiert ein Staat, dass alle Kinder im schulischen Rahmen die Möglichkeit bekommen, sich zu emanzipieren und eigenständige Meinungen zu bilden“, erläutert Rita Nikolai, Professorin für Vergleichende Bildungsforschung an der Universität Augsburg.
Schulpflicht: Unterricht in der Schule soll auch Demokratie fördern
Die allgemeine Schulpflicht für ganz Deutschland wurde in der Weimarer Republik 1919 eingeführt. In der Weimarer Verfassung hieß es: „Der Unterricht und die Lernmittel in den Volksschulen und Fortbildungsschulen sind unentgeltlich.“ Mit diesem Schritt wollte man auch die Demokratie festigen. Bis heute gilt: Heranwachsende sollen im geschützten Raum nicht nur lesen, schreiben und rechnen lernen. Sie sollen sich auch mit demokratischen Spielregeln vertraut machen. Rita Nikolai ist überzeugt, dass Schule ein Ort des sozialen Lernens ist. „Viele Demokratien wissen um die Bedeutung des Schulsystems, selbst wenn sie Homeschooling zulassen.“
Bildungspflicht: Homeschooling in anderen Ländern
So verbreitet ist Homeschooling dank Bildungspflicht [externer Link] in anderen Ländern: In Österreich machen gut 2.000 Familien von der Möglichkeit zum Heimunterricht Gebrauch, das sind etwa 0,3 Prozent der Schulpflichtigen. So niedrig ist der Anteil auch in Frankreich und Spanien. In Großbritannien werden 1,5 Prozent der schulpflichtigen Kinder zu Hause unterrichtet. In den USA sind es gut fünf Prozent. Der Bundesstaat Alaska führt dort landesweit im Heimunterricht mit über 16 Prozent Anteil, weil die Entfernungen zu Schulen oft sehr weit sind.
Schulpflicht flexibler gestalten und Unterricht zu Hause ermöglichen
Heinrich Ricking steht als Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Leipzig hinter der Schulpflicht, plädiert aber für eine kindgerechte Umsetzung: „Wir haben einige Gruppen im Blick, etwa im Bereich Autismus oder im Bereich Angst und Depression, da zeigt sich, dass unsere Schulpflicht oft sehr kategorisch angewandt wird, mitunter sogar zum Nachteil des Kindes.“ In solchen Fällen wünscht sich der Pädagoge flexiblere Lösungen.
Bei psychischen Beeinträchtigungen müssten Rahmenbedingungen individuell und zum Wohle des Kindes geändert werden. Auch bei Mobbing oder Diskriminierung kann es im Einzelfall sinnvoll sein, einen Schüler oder eine Schülerin zeitweise zu Hause zu lassen, bis sich die Situation entschärft hat. „Die Frage ist, ob wir dafür eine Bildungspflicht brauchen. Letztlich wäre das auch über eine Schulpflicht möglich, in der zeitweise Homeschooling erlaubt ist“, meint Heinrich Ricking. Befürworter sehen auch Vorteile für Hochbegabte: Sie können sich den Stoff im Homeschooling zu Hause schneller aneignen als im Klassenverband.
In Deutschland können Polizeibeamte Kinder und Jugendliche zu Hause abholen und zur Schule bringen, wenn die Schulpflicht über längere Zeit nicht erfüllt wird. Auch Bußgelder sind möglich.
In Deutschland gibt es verschiedene Schularten für unterschiedliche Bedürfnisse
Weltweit besuchen fast 90 Prozent der Kinder eine Schule. Rita Nikolai setzt auf die Vorzüge des differenzierten Schulangebots in Deutschland. Prinzipiell müsste sich bei uns für jedes Kind eine passende Beschulung finden: „Entweder an öffentlichen Schulen oder an privaten Schulen, da ist die Bandbreite groß. Darauf zu setzen, dass sich Kinder nur im Homeschooling entfalten können, das würde ich bestreiten.“
Auch ohne Schulpflicht: Schule bleibt als sozialer Anker gefragt
Das Lernen zu Hause ist schwer umzusetzen, wenn Eltern Zeit oder Anregungen fehlen. Auch wenn man Familien den Weg zum Homeschooling öffnet, die Institution Schule hat deshalb nicht ausgedient: Junge Leute quälen sich morgens aus dem Bett und erscheinen zum Unterricht. Denn: Ihre Freunde warten. Die soziale Funktion von Schule bleibt gefragt – auch in Ländern, in denen keine explizite Schulpflicht besteht. Die meisten gehen trotzdem hin.

