Sollen wir dabei zusehen, wie Menschen sterben – oder können wir was tun? Benedikt Funke hat diese moralische Frage für sich beantwortet: Mit anderen jungen Menschen gründet Benedikt 2015 die Organisation „Jugend rettet“. Sie kaufen ein Schiff, nur ein Jahr später sticht die „Ìuventa“ in See. Um Menschen zu retten, die über das Mittelmeer flüchteten und zu ertrinken drohen. Die Missionen der Iuventa haben zwischen Libyen und Italien 23 000 Menschen vor dem Ertrinken bewahrt.
Nun ist die Geschichte von Markus Goller für Netflix verfilmt worden. Gerade feierte „23 000 Leben“ auf dem Filmfest München Premiere. Grimme-Preisträger Frederik Lau spielt den „Head of Mission“ der Iuventa-Crew. Und klar, sagt er dem Bayerischen Rundfunk, habe er bei dem Film unbedingt dabei sein wollen.
Dreh mit Geflüchteten
Die Geschichte der „Iuventa“ ist in einer gleichnamigen Dokumentation von Miquele Cinque vor acht Jahren bereits einmal mit der Kamera festgehalten worden. Wie kann man diese Heldenreise in einem Spielfilm anders erzählen? Mit mehr Emotionen? Die Lösung ist so naheliegend wie mutig: Geflüchtete sind bei den Dreharbeiten dabei, spielen ihre Geschichten zum Teil selbst und erhielten dafür Schauspielunterricht. Und Benedikt Funke, damals Kapitän der Iuventa, brachte seine Erfahrung mit ein, um den Film so authentisch wie möglich zu machen.
Und auf dem Filmfest hat das funktioniert – es gab lange Standing Ovations. Vor allem, als Schauspieler Louis Hofmann die ehemaligen Besatzungsmitglieder der Iuventa und einige Menschen, die das Schiff gerettet haben, direkt auf die Bühne holte. Besonders berührend: die Rede von Abdulraman J., der auf der ersten Mission der Iuventa unter den Gestrandeten war.
Jahrelanger Gerichtsprozess
Seine Geschichte war wichtig für die Verfilmung, auch weil J. im Gerichtsprozess um die „Iuventa“ als Zeuge aussagte. Denn das Schiff wurde im August 2017 beschlagnahmt. Und von den italienischen Behörden mit schweren Vorwürfen überzogen: Angeblich habe die Besatzung mit libyschen Schleusern zusammengearbeitet, die an der illegalen Migration kräftig verdient hätten. So werden aus Helfenden Beschuldigte. Den Crewmitgliedern drohten lange Haftstrafen.
Nahezu sieben Jahre dauerte der Prozess und gilt als eines der größten Verfahren gegen zivile Seenotretter in Europa. Im April 2024 wurden die Vorwürfe schließlich fallen gelassen, sie konnten nicht ausreichend belegt werden. Neun Millionen Euro umsonst, denn so viel Geld hat der Prozess verschlungen. Dafür hätte man mehrere Schiffe bezahlen können oder mindestens drei Jahre lang die Missionen der Iuventa. Stattdessen wurde die Iuventa zu einem verrottenden, rostigen Wrack im Hafen von Trapani. Und das, obwohl das Mittelmeer nach wie vor eine der tödlichsten Fluchtrouten der Welt ist.
Neue Probleme für Seenotretter
Die Lage für Organisationen wie „Jugend rettet“ ist in den vergangenen Jahren deutlich komplexer geworden. Sascha Girke, früher Head of Mission der Iuventa, sagt bei der Premiere: „Die Rahmenbedingungen haben sich so sehr verschlechtert, dass so ein Projekt wie die Iuventa jetzt nicht mehr entstehen könnte. Es gibt viele Steine im Weg, Regularien und Vorgaben der Behörden. Damals waren wir in einer Lücke: nur Wasser, Menschen sterben, sonst niemand. Diese Freiheit ist heute stark eingeschränkt. Es gibt zwar weiterhin zivile Schiffe und mehr Unterstützung, aber auch mehr Einschränkungen, wodurch trotz allem weiterhin Menschen sterben.“
Seinen Optimismus hat Girke dennoch nicht ganz verloren, er korrigiert sich: „Eigentlich muss die Antwort aber sein: Ja, es geht trotzdem. Niemand sollte sich davon abhalten lassen, zu handeln. Wenn man gemeinsam handelt, kann man viel erreichen. Das ist heute genauso wichtig wie vor zehn Jahren.“

