Dioxin-Folgen nach Jahrzehnten
Als erstes fiel bei den Untersuchungen auf: Manche Menschen hatten trotz hoher Dioxin-Konzentration im Blut nicht unter Chlor-Akne gelitten. „Die individuelle Empfindlichkeit ist also sehr verschieden. Mit diesen sehr starken, neuen Daten haben wir entschieden, die betroffene Bevölkerung weiter zu beobachten“, erzählt Mocarelli.
Dank präziser Daten für jede einzelne Person seit 1976 konnten erstmals die Langzeitfolgen (externer Link) von 2,3,7,8-TCDD untersucht werden, das seither „Seveso-Dioxin“ heißt. Es zeigte sich unter anderem: Männer, die 1976 noch Kleinkinder waren, zeugten überwiegend Töchter. Ein Teil dieser Männer hatte auch weniger und weniger bewegliche Spermien. „Wir haben entdeckt, dass Dioxin viel stärker giftig wirkt, wenn man als Kind damit in Berührung kommt als in höherem Alter“, so der Forscher.
Bei Mädchen führte der Kontakt mit Dioxin später zu Veränderungen des Menstruationszyklus’ und einer früheren Menopause. Sie wurden nicht so leicht schwanger und bekamen häufiger Brustkrebs als in vergleichbaren Bevölkerungsgruppen. Auch Lymphknotenkrebs und Leukämie traten bei ihnen öfter auf. Weitere Folgen waren Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Möglicherweise Folgen über Generationen
Die jüngsten Untersuchungen zeigen erstmals durch Dioxin ausgelöste epigenetische Veränderungen (externer Link). Das bedeutet: Nicht der genetische Code ist verändert, sondern an den Genen hängt an einer bestimmten Stelle ein Methyl-Molekül, das ihre Funktion beeinflusst. In Seveso betrifft das die heute etwa 50-jährigen Söhne von Frauen, die im Juli 1976 schwanger waren.
Eine der Veränderungen beeinflusst die Spermien-Produktion, eine weitere die Schilddrüse und das Skelettsystem, erklärt Paolo Brambilla, Biochemiker an der Universität Mailand-Bicocca: „In diesen zwei Bereichen ist der Effekt eindeutig.“ Bei einer dritten Veränderung, die mit chronischer Krankheit und Alterung verbunden ist, sind sich die Forschenden nicht sicher. Sie wollen diese Männer deshalb weiter beobachten, um zu schauen, ob die Veränderungen weitervererbt werden. In Tierversuchen wurden solche epigenetischen Veränderungen über drei Generationen beobachtet.
„Eine neue Ära“
Die Forschung könnte also noch lange weitergehen. Schon jetzt hat sie viel bewirkt, etwa die Seveso-Richtlinien der EU zur Sicherheit von Industrieanlagen. Für Paolo Mocarelli, der auch mit 91 Jahren noch aktiv forscht, war die Katastrophe eine Zeitenwende. „Weltweit begann eine neue Ära im Verhältnis zwischen Industrie und Umwelt.“

