Es ist ein ewiger Streit unter Serien-Fans: Sollte eine Serie sofort komplett verfügbar sein, um sie zu bingen? Oder doch lieber eine Folge pro Woche, mit mehr Vorfreude? Für Streamingdienste ist die Antwort klar: Das wöchentliche Modell zwingt Zuschauer eher dazu, ein Abo abzuschließen.
Die australische Produktionsfirma „Glitch“ hat dieses Modell auf die Spitze getrieben. Die erste Folge ihrer Erfolgsserie „The Amazing Digital Circus“ kam im Oktober 2023 heraus, die letzte lief vergangenen Monat. Das Problem an der Sache: Die Serie ist komplett auf YouTube veröffentlicht worden, also ganz ohne Abo für alle frei zugänglich.
Pilotfolge hat mehr als 400 Millionen Aufrufe
Für das Studio ist die Serie ein riesiger Erfolg. Die Pilotfolge hat rund 450 Millionen Aufrufe auf YouTube. Das Staffelfinale lief im Juni in zahlreichen Kinos – und landete am Premierentag in den USA auf Platz 1 der Kinocharts, noch vor Blockbustern wie Star Wars oder Scary Movie 5. In Deutschland war es Platz 3, noch vor dem Michael-Jackson-Biopic.
Das ist umso erstaunlicher, weil „Glitch“ ein kleines, unabhängiges Indie-Studio ohne großen Geldgeber im Rücken ist. Genau deswegen hat die Produktion der Serie auch so lange gedauert. Mittlerweile sind die Folgen auch auf Netflix verfügbar – das Studio betont aber, dass Netflix keinerlei Mitbestimmung bei der Gestaltung der Serie habe.
Gefangen in einem digitalen Zirkus
Die Handlung beginnt mit der Figur Pomni, die aus ihrem echten Leben in den namensgebenden digitalen Zirkus geworfen wird. Dort trifft sie auf zahlreiche andere Figuren, die dort schon seit Monaten gefangen sind. Pomni kann sich nur noch vage an ihr altes Leben erinnern. Der digitale Zirkus wird von der allmächtigen KI Caine bestimmt. Die einzelnen Folgen zeigen, wie er die Gruppe zu grotesken Abenteuern zwingt. Gemeinsam mit der Gruppe versucht Pomni einen Ausweg aus dem Zirkus zu finden.
„Ich habe den Erfolg der Serie überhaupt nicht erwartet“, erzählt Julian Göke. Er spricht in der deutschen Synchronisation die Figur Jax. Für ihn waren es viele Faktoren, die die Serie erfolgreich machen. „Die knallige Animation mit dem gruseligen Unterton, die eine Dissonanz erzeugt. Aber auch der 90er-Jahre-Videospiel-Vibe ist gut angekommen.“ Zudem würden Geschichten von Figuren, die in einer Welt gefangen und dort einer Macht ausgeliefert sind, oft gut funktionieren.
Fans entscheiden über den Erfolg
Einen Teil des Erfolgs macht auch die Nähe des Studios zu seinen Fans aus. Da die Serie auf YouTube hochgeladen wurde, fehlt das Geld aus Abos. Die Serie finanziert sich vor allem aus dem Verkauf von Merchandise. „Und dann ist das als Zuschauer nicht eine beliebige Serie, sondern man kann sich aktiv einbringen und dafür sorgen, dass die Serie fortgeführt wird“, so Göke.
Und deswegen seien auch die langen Wartezeiten zwischen den einzelnen Folgen aushaltbar – oder sogar Teil des Erfolgsrezepts gewesen. „Das war dann bei jeder Folge schon fast so, als ob eine gesamte neue Staffel kommt.“ Viele Indie-Serien fahren auf YouTube ein ähnliches Modell. „Das ist eine Möglichkeit für kreative Menschen, das zu machen, worauf sie einfach Bock haben.“ Dass das auch ziemlich erfolgreich sein kann, zeigt diese Serie.

