Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht fest. Mit Shida Bayzar, Franziska Gänsler, Peggy Mädler, Dana Vowinckel, Valeria Gordeev und Elias Hirsch haben es fünf Autorinnen und ein Autor in die engere Auswahl für die renommierte Auszeichnung geschafft.
„So unsicher die Gegenwart auch sein mag, erweist sie sich doch als Nährboden für eine großartige Literatur“, sagte die Jurysprecherin Cornelia Geißler. „Wir lesen auf vielfach unerwartete Weise von Sehnsucht, Freundschaft, Liebe und Gewalt. Wir sind begeistert davon, welch ästhetischer Reichtum in diesen Büchern steckt, welche Sprachlust.“
Der wichtige Blick in die Vergangenheit
Shida Bayzar begleitet in ihrem Buch „Die Lücken“ die unterschiedlichen Anwohner im fiktiven Ort Heimesbach über ein Jahrhundert lang. Die verschiedenen Geschichten, die sich kapitelweise in Zeit und Personal abwechseln, beginnen nett und menschelnd. Doch sie offenbaren Stück für Stück ein breiteres Involviert-Sein des Dorfes in die nationalsozialistische Ideologie und die Verbrechen an den Jüdinnen und Juden des Ortes.
Bazyar macht in ihrem bewegenden Anti-Heimatroman deutlich, wie wichtig und dringlich der Blick auf die eigene Vergangenheit ist. Nicht um Geschehenes ungeschehen zu machen, sondern um einer fortlaufenden Gewaltgeschichte im Jetzt entgegenzuwirken.
„Orca“: Zwischen Klima, Gewalt und Radikalisierung
Im Buch „Orca“ von Franziska Gänsler geht es um Klima- und Chancengerechtigkeit, Gewalt und Radikalisierung, Identitätssuche und Authentizität. Diese Stränge verknüpft die Augsburger Autorin gekonnt, mit feiner Beobachtungsgabe und nerdiger Freude am Detail.
Peggy Mädler spannt einen großen historischen Bogen
Die Kybernetik beschäftigt sich mit der Frage, wie sich komplexe Systeme steuern lassen. Und nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 war die Kybernetik für kurze Zeit ein großes Thema in der Planwirtschaft der DDR, verbunden mit zaghafter Liberalisierung, Effizienz-Euphorie und früher Rechentechnik.
Peggy Mädler nimmt diese Begebenheit als Ausgangspunkt für ihren Roman „Selbstregulierung des Herzens“. Die zentralistisch organisierte Wirtschaftspolitik spielt dort ebenso eine Rolle wie die Frage, ob man innerhalb eines solchen Systems auf Reformen hoffen kann – oder besser die Flucht antritt.
Liebe im Ausnahmezustand: „Anton und Alma“ in Krisenzeiten
In „Anton und Alma“ erzählt Dana Vowinckel die Geschichte von Anton und Alma. Anton ist Jude. Alma nicht. Die beiden verlieben sich, ziehen zusammen, streiten und versöhnen sich. Der Roman zieht sich über mehrere Jahre bis in unsere unmittelbare Gegenwart und verhandelt dabei auch die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit: die Corona-Pandemie, Russlands Invasion der Ukraine, der 7. Oktober. Vowinckel zeigt mit ihrem Roman, dass eine solche Liebesgeschichte wie die von Anton und Alma niemals unberührt bleibt von den fatalen Verhältnissen unserer Zeit.
Auch Roman von Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Gordeev auf Shortlist
Zu den weiteren Nominierten zählt „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ von Valeria Gordeev. Im ersten Roman der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin spielt das Geschwisterpaar Konstantin und Lada die Hauptrolle. Während Konstantin in einem unterirdischen Forschungslabor festsitzt, das Lenins Leichnam konserviert, kämpft seine Schwester Lada in Berlin mit einer Sanierung, die ihr Wohnhaus unbewohnbar macht.
Über eine performative Hypochonderin
Das Buch „Schleifen“ von Elias Hirschl handelt von der performativen Hypochonderin Franziska Denk. Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In Otto Mandl, einem genialen Mathematiker, findet die junge Franziska ihren Seelenverwandten. Immer wieder stellt sich bei Elias Hirschl das schier Unglaubliche als wahr heraus – ein Buch, das zeigt, welche Veränderungsmacht in Sprache steckt.
Preisverleihung am 5. Oktober
Auf der Longlist standen zuvor 20 deutschsprachige Romane. Wer die Auszeichnung bekommt, wird bei der Preisverleihung am 5. Oktober bekanntgegeben – dem Tag vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Insgesamt hatte die Jury 205 Titel gesichtet, die zwischen Herbst 2025 und Anfang September 2026 erschienen sind.
Der Deutsche Buchpreis gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen im Literatursegment und ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert: Der Sieger erhält 25.000 Euro, die übrigen Autoren der Shortlist jeweils 2.500 Euro. Im vergangenen Jahr ging die Auszeichnung an Dorothee Elmiger für „Die Holländerinnen“.

