„Es ist eine außergewöhnliche Entwicklung: Bands sind komplett aus den Charts verschwunden.“ Was der BBC-Moderator und Autor Richard Osman für die britischen Charts konstatiert, gilt in Teilen auch für Deutschland, sagt Hans Schmucker von GfK Entertainment, dem Unternehmen, das die deutschen Charts ermittelt. „Bei den Singlecharts stammen aktuell nur noch sechs Prozent aller Songs von Bands.“ In den 90er- und 2000er-Jahren sei dies ganz anders gewesen. „Da lag der Anteil bei über einem Drittel. Also schon ein deutlicher Rückgang, den wir hier sehen.“
Während in den Singlecharts Solokünstler und Duos dominieren, liege in den Albumcharts der Anteil an Bands über die Jahre zwar relativ konstant bei über 40 Prozent, sagt Schmucker. Durchforstet man allerdings die Top 100 der vergangenen Woche, dann gehören die meisten Bands älteren Jahrgängen an, wie Die Toten Hosen, Fleetwood Mac oder Nirvana. Zu den jüngeren Vertretern zählen da noch Kraftklub oder AnnenMayKantereit, die beide aber auch schon eine ganze Weile im Geschäft sind.
Was fehlt, sind junge Bands, die nachkommen
Und genau hier liegt das Problem: Es sind weniger die Bands, die fehlen. Was fehlt, sind junge, erfolgreiche Bands, die nachkommen, viel gehört werden und dann auch die größeren Bühnen bespielen. Warum das so ist? Oasis-Mastermind Noel Gallagher hat da eine Vermutung. „In den 90ern gehörten Bands wie Oasis, Primal Scream, Blur und Pulp zum Mainstream. Aber der Plattenindustrie gefiel es nicht, dass ihre Main-Acts ein Haufen Typen auf Drogen sind.“ Und setze nun auf Einzelkünstler, die leichter zu kontrollieren seien.
Ob das der einzige Grund ist, sei mal dahingestellt. Was in jedem Fall zutrifft: Die Art, wie heute Musik gemacht wird, hat sich verändert, sagt Johannes Everke, Geschäftsführer vom Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungsbranche. Heutzutage könne „ein Martin Garrix als Jugendlicher aus dem Kinderzimmer heraus plötzlich einen Welthit produzieren, das war früher nicht möglich“.
Wer heute Musik machen will, der braucht keine Band mehr. Er oder sie muss nicht mal mehr ein Instrument spielen können. Moderne Aufnahmeprogramme wie Ableton oder Logic Pro verfügen über riesige Sample-Bibliotheken, aus denen man sich die passenden Instrumente und Sounds heraussuchen kann. Songs werden nicht mehr im Proberaum erjammt, sondern am Bildschirm zusammengebaut.
Gerade sind Genres populär, in denen Einzelkünstler dominieren
Das ist musikalisch nicht weniger anspruchsvoll – verschafft dem Einzelnen aber eine größere Autonomie. Man kann Musik machen, so wie es einem eben selbst passt, muss sich nicht mit anderen über die künstlerische Ausrichtung streiten und spart sich im Zweifel die Proberaummiete, die insbesondere in Städten finanziell durchaus schmerzen kann.
Aber erklärt das alleine den Schwund an Bands in den Charts? Oder liegt dahinter vielleicht auch eine Verschiebung hin zu Genres, in denen traditionell Solokünstler präsent sind? „Wir sehen, dass die Singlecharts sehr stark von einzelnen Genres geprägt werden im Moment: das ist Deutschrap, Hiphop, Pop und Dance, und da sind Bands eher nicht so stark vertreten“, sagt Hans Schmucker von GfK Entertainment.
Hinzu kommt: Die Geschmäcker verändern sich. Trends kommen und gehen. Und ein Trendbeschleuniger sind natürlich die sozialen Medien. So spült TikTok gerade über 20 Jahre nach seinem Release den Song „Von hier an blind“ der Band Wir sind Helden in die Charts. Nicht auszuschließen also, dass der nächste virale Trend dann irgendwann wieder eine Newcomer-Band ist.

