Ein Baby liegt wehrlos im Schlamm, während ein gewaltiger Pflug, gezogen von Ochse und Pferd, unaufhaltsam auf das Kind zurollt. Die dramatische Szene wirkt auf den ersten Blick wie der Auftakt eines sündhaft teuren Hollywood-Blockbusters. Tatsächlich aber ist kein einziges Pixel davon echt: Alles, was man hier sieht, entstammt den Rechenzentren einer Künstlichen Intelligenz.
Elon Musk wollte Hollywood Konkurrenz machen
Am 23. Oktober veröffentlichte der KI-Bildgenerator Grok Imagine die erste, gut siebenminütige Folge einer geplanten „Odyssee“-Reihe. Dahinter steht Elon Musks KI-Unternehmen xAI.
Musk hatte im Juli angekündigt, mithilfe von KI noch vor Jahresende eine abendfüllende, historisch korrekte Verfilmung von Homers Epos zu produzieren. Zuvor hatte er Christopher Nolans erfolgreiche Kinoverfilmung scharf kritisiert, unter anderem wegen der Besetzung mit schwarzen und transsexuellen Schauspielern. Nun liegt also der erste Vorgeschmack vor. Die Reaktionen fallen überwiegend vernichtend aus.
Wie entsteht ein Film mit Künstlicher Intelligenz?
Verantwortlich für die KI-Adaption des Homer-Klassikers ist das auf KI-Filme spezialisierte Unternehmen Wonder Studios gemeinsam mit Regisseur Dev Walker.
Drei Kreative produzierten die Episode nach Angaben des Studios in weniger als zwei Wochen. Zunächst schrieben sie ein Drehbuch und legten fest, welche Bilder für jede Szene benötigt werden. Anschließend erstellten sie genaue Vorlagen für Figuren, Kleidung und Drehorte.
Mit Grok Imagine entstanden daraus einzelne Videosequenzen. Die Filmemacher mussten viele Varianten erzeugen, auswählen und schließlich zu einer zusammenhängenden Geschichte montieren.
Selbst der Wind braucht genaue Anweisungen
Wie aufwendig das ist, zeigt eine inzwischen veröffentlichte Anleitung des Produktionsteams. Für die Szene mit dem Pflug legten die Kreativen beispielsweise genau fest, von welcher Seite die Tiere ins Bild laufen sollen, wo sich die Figuren befinden und wie sich ihre Umhänge im Wind bewegen.
Die KI sollte daraus glaubwürdige Bewegungen erzeugen. Auch Geräusche wie Regen oder Schritte im Schlamm konnten mit der Software hergestellt werden.
Allein Schnitt, Tonbearbeitung und Farbgestaltung beanspruchten nach Angaben des Teams rund 18 Stunden. Die KI ersetzt also Kameras, Kulissen und Schauspieler – aber nicht sämtliche kreativen Entscheidungen.
Warum die Kritiker den Film zerreißen
Manche Landschaftsaufnahmen und Massenszenen sehen durchaus beeindruckend aus. Doch vor allem bei den Figuren offenbaren sich Schwächen: Die Mimik wirkt seltsam gestellt, außerdem bleibt der Rest des Körpers statisch. Frisuren, Muster auf der Kleidung oder die Position von Gegenständen verändern sich manchmal nach einem Schnitt und generell rumpelt die Handlung manchmal etwas unvermittelt von Szene zu Szene.
Der britische „Guardian“ vergab jedenfalls nur einen von fünf Sternen. Auch andere internationale Medien bemängeln eine fehlende emotionale Tiefe und leblose Figuren.
Ein weiterer Widerspruch: Obwohl Musk historische Genauigkeit versprochen hatte, stammt die Geschichte der ersten Folge nicht aus Homers „Odyssee“, sondern aus einem anderen antiken Epos, den nur fragmentarisch überlieferten „Kyprien“. Die Forderung nach historischer Genauigkeit ist bei einer mythologischen Erzählung ohnehin problematisch.
Ist KI-Filmproduktion trotzdem die Zukunft?
Auf der anderen Seite kostete die erste Folge nur mehrere Zehntausend Dollar. Zum Vergleich: Nolans Hollywood-Produktion hatte ein Budget von rund 250 Millionen Dollar. Allerdings stehen sich hier sieben Minuten KI-Video und ein vollständiger Kinofilm gegenüber. Trotzdem: Im Vergleich zu Nolans Blockbuster ist die KI-Odyssee spottbillig.
Die Macher wollen die Kritik jedenfalls für weitere Episoden nutzen und insbesondere das Erzähltempo verbessern. Ob die Technik irgendwann einen Hollywood-Blockbuster erschaffen kann, lässt sich aus diesen sieben Minuten noch nicht ableiten. Aber ausgeschlossen ist es nicht, denn KI-Videoproduktion macht seit Jahren rasante Fortschritte.

