„Wirr wird mir’s, seit ich erwacht“, seufzt die allwissende Urmutter Erda in Richard Wagners „Siegfried“: „Wild und kraus kreist die Welt.“ Klingt ganz nach einer Bestandsaufnahme der aktuellen politischen Krisenherde. Zeitlos sind Wagners Musikdramen also auf jeden Fall, aber eben auch sehr lang. Klar, Fans wollen keine einzige Note missen, aber gerade der „Siegfried“ kann sich „ziehen“, sogar, wenn er so unterhaltsam und kurzweilig inszeniert wird wie von Regisseur Tobias Kratzer.
Knapp sechs Stunden müssen Neugierige in der Bayerischen Staatsoper in München für den Besuch einer Vorstellung veranschlagen. Dafür treten aber auch ein echtes Pferd und zwei Raben auf, und es wird grellbuntes „Action Painting“ geboten, was den Beifall der meisten Zuschauer fand. Geht es nicht trotzdem etwas kompakter? Tobias Kratzer betrachtet Kürzungen jedenfalls nicht als Sakrileg: „Darf man, aber es sollte dann auch einen Grund dafür geben. Allein zu sagen, ich langweile mich über fünf Stunden, das Stück muss auf drei kommen, reicht nicht.“
„Länge bedeutet nicht immer Langeweile“
Eine seiner „prägendsten negativen Erfahrungen“ sei eine „zwangsweise verordnete Kürzung“ gewesen: „Und zwar nicht aufgrund meiner Arbeit, sondern aufgrund der Orchesterdienste, die nicht zu einem Doppeldienst werden sollten. Da habe ich die ‚Hugenotten‘ von Giacomo Meyerbeer in Erinnerung, wo dieses Werk, das einfach einen langen Atem braucht und einen großen Erzählduktus hat, durch die Kürzung deutlich langweiliger wurde, als das in voller Länge der Fall gewesen wäre. Ich glaube nicht, dass Länge immer auch Langeweile bedeutet.“
„Wagner zurück aus den Sommerferien“
Im Ausland, vor allem in Asien, werden Wagner-Opern regelmäßig gekürzt, auch von europäischen Regisseuren. Tatsächlich hält Tobias Kratzer gerade den „Siegfried“ nicht in allen Teilen für gleichermaßen fesselnd: „Ich finde, die in sich ästhetisch am wenigsten gelungene Passage, wenn ich mir so ein Urteil anmaßen darf, ist tatsächlich das Duett zwischen Siegfried und Brünnhilde im dritten Akt.“
Entsprechend hart arbeitete Kratzer daran, diese recht statische Szene zu beleben: „Da hat man das Gefühl, Wagner, der sich ja zwischendurch eine lange [zwölfjährige] Kompositionspause gegönnt hat, in der er sich mit den ‚Meistersingern‘ und mit ‚Tristan und Isolde‘ zu ganz anderen Ufern vorgearbeitet hat, kommt zurück aus den Sommerferien und zeigt, was er gelernt hat. Den natürlichen Atem, den der Ring bis dahin hat, und den er auch, muss ich sagen, in der ‚Götterdämmung‘, wieder hat, diese Ökonomie hat das Duett Siegfried/Brünnhilde im dritten Siegfried-Akt nicht in jedem Detail.“
„Kein Ewigkeitswert von Inszenierungen“
Manche „Ring“-Produktionen altern in Würde, andere wirken bereits bei der Premiere altbacken. Der gebürtige Moosburger Tobias Kratzer scheint nicht den Ehrgeiz zu haben, das Publikum mit seinen Arbeiten 33 Jahre bei Laune zu halten, wie es Götz Friedrich mit seiner legendären Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin gelang.

