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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > So hat der Holocaust-Überlebende Weintraub den 7. Oktober erlebt
Kultur

So hat der Holocaust-Überlebende Weintraub den 7. Oktober erlebt

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 7. Oktober 2024 09:48
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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Er war in Tel Aviv, als es passierte: Den 7. Oktober 2023 hat Leon Weintraub in Israel erlebt. Er war dort auf Verwandtschaftsbesuch. Eigentlich lebt er in Stockholm, wo er als Gynäkologe gearbeitet hat, und wo er während Corona ein Buch schrieb: „Die Versöhnung mit dem Bösen“. Er selbst, geboren in Polen im Jahr 1926, bezeichnet sich nicht als Schwede, nicht als Israeli oder Deutscher, sondern als Weltbürger.

Inhaltsübersicht
7. Oktober erinnerte Weintraub an Beginn des Zweiten WeltkriegsWeintraub entging nur knapp dem Tod in AuschwitzWeintraub: Wille zum Miteinander muss von beiden Seiten kommen

7. Oktober erinnerte Weintraub an Beginn des Zweiten Weltkriegs

Ein Jahr nach dem brutalen Hamas-Angriff sitzt der 98-Jährige auf dem Sofa zu Hause in Stockholm. Die Stimmung ist behaglich. Und trotzdem: Die Erinnerungen an den Tag vor einem Jahr seien noch unheimlich präsent, erzählt Weintraub. Vor allem an die Sirenen, die ihn und seine Frau geweckt hätten. An 1939 habe ihn das erinnert, als die Deutsche Wehrmacht Polen überfiel. Weintraub lebte damals noch in Lodz. „Das war genau der gleiche Klang, wieder ein Krieg.“

Drei Tage nach dem Überfall der Hamas verlassen Leon Weintraub und seine deutsche Frau Tel Aviv in einer Odyssee über verschiedene europäische Flughäfen. Sein Gepäck strandet in Armenien, statt in Stockholm Arlanda. Für ihn eine humorvolle Anekdote am Rande der Katastrophe. Obwohl er nicht dort lebe, sei Israel für ihn eine „zweite Heimat“, sagt er. „Meine Heimat ist jedes Land, wo mir nahestehende Menschen leben.“

Weintraub entging nur knapp dem Tod in Auschwitz

Leon Weintraub hat erleben müssen, was es bedeutet, vier Fünftel der Familie zu verlieren, ermordet im Holocaust. Und so ruft der Angriff der terroristischen Hamas die Erinnerungen an den Überfall Deutschlands und seine Zeit im KZ ins Bewusstsein.

Vom Ghetto Litzmannstadt in Polen wurde Leon Weintraub nach Auschwitz-Birkenau deportiert in Block 10, für Jugendliche. Eines Tages bemerkte er im Hof eine große Gruppe nackter Männer. Er überwand seine Scheu, sprach sie an und erfuhr, dass sie zum Arbeiten geschickt werden, außerhalb des Lagers. Er versteckte sich in ihrer Mitte und entwischte so den Lagermauern. „Zum Glück haben sie mich nicht kontrolliert. Ein paar Tage später wurde der Block, Jugendlicher Block Nummer 10, in die Gaskammer gebracht und umgebracht.“

Hätte Leon Weintraub die paar Schritte nicht gemacht, hätte er nicht überlebt. Hätte er sich nicht über das Jiddische die deutsche Sprache beigebracht, hätte er nicht nach dem Krieg in Göttingen Medizin studiert, hätte keine eigene Familie gegründet und wäre kein Gynäkologe und Geburtshelfer geworden. Den Beruf habe er gewählt, um „für das Leben zu arbeiten“, sagt er – er, der so viel mit dem Tod in Berührung kam.

Weintraub: Wille zum Miteinander muss von beiden Seiten kommen

Gegenwärtig, das merkt auch Weintraub, werden alte Feindbilder wieder sehr offen bedient. Antisemitische Parolen werden auf Straßen herumgebrüllt, Jüdinnen und Juden angegriffen, nicht nur in Israel von Terroristen, auch in Deutschland. Im vergangenen Juli hat Leon Weintraub einen Vortrag an der Freien Universität Berlin gehalten. Noch immer, so kritisiert er, müsse man sich für sein Jüdischsein rechtfertigen. „Die Umgebung bedauert uns nur, wenn wir ermordet werden. Lieber Respekt und Furcht, wenn wir stark sind und die Angreifer teuer bezahlen lassen.“

Leon Weintraub war in jungen Jahren ein wilder Linker, wie er sagt, er ist ein säkularer Jude, der sich nach Frieden sehnt, weiß aber auch: Den Willen zum Miteinander müssen beide Seiten aufbringen. „Wie kann ich mit jemandem über eine mögliche Lösung des Konfliktes sprechen, wenn er mich töten will?“, fragt sich Weintraub. „Solange arabische Länder Israel nicht anerkennen als bestehenden Staat, gibt es keine Möglichkeit zu einer Konfliktlösung. Das alles ist ein leeres Gerede.“

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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