Ein typischer Allen-Film? Etwa „Whatever works“ aus dem Jahr 2009: Die Hauptfigur heißt Boris Yelnikoff, ist Schriftsteller und eine typische Allen-Gestalt: ein sympathisch-verschrobener jüdischer Großstädter, der zwischen Sarkasmus, Zynismus und konstanter Todesangst pendelt. Eben wie der Regisseur selbst, der 1935 in der New Yorker Bronx als Allen Stewart Konigsberg zur Welt kam.
Als junger Gagschreiber änderte der Sportfan und begeisterte Klarinettist seinen Namen in Woody – weil es komisch klang, wie er sagt. 1965 kam sein Drehbuchdebüt mit „Was gibt’s Neues, Pussy?“ – schon damals mit dem stilbildenden surrealen Mix aus Dialog- und Bildwitz. Wie dann auch in „Bananas“ oder in seiner dritten Regiearbeit „Was sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“ von 1972.
New Yorker durch und durch
Satire und Überzeichnung traten in den 1970er-Jahren dann vermehrt in den Hintergrund. Mit „Der Stadtneurotiker“ entwickelte Allen auch als Schauspieler seine ganz eigene Meisterschaft, in diesem Gesellschaftsporträt der neurosengeplagten, verklemmten New Yorker in ihren endlosen Beziehungsschleifen.
Überhaupt: New York! Bis heute kann sich der intellektuelle Melancholiker Allen nicht vorstellen, woanders zu leben. Mit seiner Jazzband spielte er jahrelang montags Klarinette in Michael’s Pub und ging zu den Baseball-Spielen der New York Yankees. Manhattan ist sein Lebens-Universum, wunderbar gezeigt in seinem gleichnamigen Filmklassiker von 1979.
Bis heute arbeitet Allen Jahr für Jahr an einem neuen Projekt nach eigenem Drehbuch, das er mit der Schreibmaschine tippt. Wenn er Geldgeber findet – wie in den vergangenen Jahren in Europa, in Barcelona, Paris, Rom, London. Nicht alle dieser Filme sind herausragend – aber manche wie „Matchpoint“ oder sein 2023 bei den Filmfestspielen von Venedig vorgestellter und von der Kritik gefeierter nicht nur im Titel ein „Glücksfall“.
Amerikas Kinopublikum kann mit ihm nicht viel anfangen
Einen Tiefpunkt erreichte sein Leben, als 1992 seine Beziehung mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Mia Farrow sehr unangenehm zu Ende ging. Farrow beschuldigte Allen im Nachgang des Mißbrauchs an der gemeinsam adoptierten siebenjährigen Tochter Dylan – Anschuldigungen, die Allen vehement bestritt. Es folgte eine schmutzige Schlacht um das Sorgerecht für die Kinder sowie Allens Heirat mit der 35 Jahre jüngeren Adoptivtochter seiner Ex-Partnerin.
Die späteren medialen Vorwürfe von Farrows Sohn Ronan und das Aufkommen der #MeToo-Bewegung hatten zur Folge, dass Allens Stern in den USA sank. Stars, Studios und Filmproduzenten distanzierten sich. Aber – so sagt er: Auf dem amerikanischen Kinomarkt konnten sie mit ihm, dem viermaligen Oscargewinner, sowieso noch nie viel anfangen, in Europa umso mehr. Hier wirkten auch Allens Idole – er liebt das europäische Kino von Fellini, Truffaut, De Sica oder Bergman.
Das Leben? Schreckliche Sache!
An Politik war der scheue Hypochonder mit der schwarzen Hornbrille in seinen Filmen nie interessiert. Sein Thema ist ein anderes: die Existenz als andauernde Krise. Ihn erstaunen Leute, die das Universum begreifen möchten – dabei sei es doch schon schwierig genug, in Chinatown zurechtzukommen. „Wenn man zu ehrlich auf das Leben blickt, ist es im Grunde unerträglich, denn es ist ein ziemlich schreckliches Unterfangen.“
Mit gerade mal 89 schrieb Allen heuer seinen Debütroman, „What’s with Baum?“. Im Mittelpunkt: ein von Unsicherheiten zerfressener Mann, der über den Sinn des Lebens grübelt und meint, dass ihn niemand versteht. Ganz wie Allen selbst, der dem Alter nicht Gutes abgewinnen kann: „Du wirst nicht freundlicher, nicht weiser, nichts Gutes widerfährt einem dabei. Es ist eine schlechte Sache, alt zu werden. Lassen Sie es, wenn Sie es vermeiden können!“
Und doch macht er einfach weiter, demnächst mit einem neuen Film-Projekt in Madrid. Er werde Filme machen, sagt Allen, bis er eines Tages mit einem Schlaganfall aufwache. Oder, mit der typischen Allen-Pointe: „Ich habe keine Angst vor dem Tod – aber ich möchte nicht dabei sein, wenn es passiert“.

