Carla Hinrichs war das wohl bekannteste Gesicht der Klimaschutz-Bewegung „Letzte Generation“. Während ihre Mitstreiterinnen mit Straßenblockaden und Attacken auf Gemälde für viel Aufsehen und Unmut sorgten, saß sie als Sprecherin in den Talkshows – und auch vor Gericht. Nach wie vor droht ihr am Münchner Landgericht ein Strafverfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Nun hat Carla Hinrichs ein Buch geschrieben: „Meine verletzte Generation. Wie der Staat uns verrät“ heißt es.
Hinrichs will mit Buch „aufrütteln“
„Ich denke, die Letzte Generation war ein großes Beispiel dafür, wie ganz schnell, ganz viel passieren kann, wie ganz wenig Menschen, die einen Schritt aus ihrer Komfortzone gehen, sehr sehr sehr viel Aufmerksamkeit gewinnen können.“ Carla Hinrichs
So spricht eine Bewusstseinsgroßindustrielle der vergangenen Jahre: Carla Hinrichs, heute 29, erreichte mit den Aktionen der „Letzten Generation“ viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.
Jetzt hat sie, die Jura-Studentin, ein Buch darübergeschrieben: „Ich habe das Buch geschrieben, weil ich die große Hoffnung habe, einen kleinen Blick hinter die Fassaden, über den Fall, über uns als Letzte Generation und den Protest, von dem so viele mitbekommen haben, einen kleinen Blick hinter die Kulissen zu geben und die Menschen damit aufzurütteln auf eine Art, nicht immer alles für gegeben zu nehmen, sondern vielleicht auch mal in Frage zu stellen.“
Der Staat und sein Schutzversprechen
Der Titel ihres Buches – „Meine verletzte Generation“ – ist mehr als ein Wortspiel: „Wir sind alle in unseren Grundrechten verletzt, alle die heute in diesem Staat leben, weil der Staat uns gegenüber ein Schutzversprechen hat, an das er sich nicht hält. Und das ist nicht nur so, dass er sich nicht nur nicht dran hält, sondern dass er suggeriert sich daran zu halten, also immer wieder sagt, beruhigt euch doch mal, wir machen doch schon viel, wir haben Klimaneutralität 2045 festgelegt, aber all das wird nicht eingehalten und darin sind wir sehr stark in unseren Grundrechten verletzt.“
Carla Hinrichs, die einmal Richterin werden wollte, hat sich schon mehrmals auf der Anklagebank wiedergefunden. Derzeit droht ihr und vier weiteren Mitgliedern der „Letzten Generation“ am Landgericht München ein Prozess als Rädelsführerin einer kriminellen Vereinigung. Doch ob und wann es zum Verfahren kommt, ist offen.
„Ich habe 149 Seiten Anklageschrift auf meinem Schreibtisch liegen – von der Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus der Staatsanwaltschaft in Bayern. Jetzt ist die Frage, ob das Gericht das eröffnet und zulässt und dann stehen fünf Jahre Haft im Raum.“
Carla Hinrichs droht Gefängnis
Dieses über ihr schwebende „Damoklesschwert“ sieht Carla Hinrichs als Teil der von ihr im Buch beschriebenen Abschreckung und Einschüchterung – ein „Chilling effect“: „Wenn ich davon ausgehen muss, dass man mit gezogener Waffe in mein WG-Zimmer rennt, weil ich mich auf eine Straße gesetzt habe, um anzuprangern, dass der Staat sich nicht an seine eigene Verfassung hält, dann ist das einschüchternd und das hat einen Chilling-Effekt, in dem Sinne, dass es keine Unterdrückung in dem Sinne ist, dass wir davon abgehalten werden, aber alle Leute, die sich anschließen wollen, müssen sich die Frage dreimal stellen, ob sie sich anschließen wollen, wenn sie eben von einer solchen Reaktion ausgehen müssen.“
Mageres Wahlergebnis für Klima-Vereinigung
Man kann dieses Buch mit Interesse lesen, auch wenn man kein Anhänger der Protestformen der Klimaaktivisten ist. Gerade mal 104.386 Stimmen hat die Vereinigung „Parlament aufmischen – Stimme der Letzten Generation“ bei der Europawahl 2024 auf sich vereinen können. Magere 0,3 Prozent aller Stimmen.
Für Carla Hinrichs ist dieses bescheidene Wahlergebnis kein Grund, aufzustecken: „Nee, überhaupt nicht. Es hat mich eher verwundert, dass uns so viele gewählt haben: 104.000 Menschen, die ihr Kreuz bei uns gemacht haben. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass es so viele Meschen gibt, die dem vertrauen würden und war davon sehr beeindruckt, weil ich mir dann die Frage gestellt habe, was wäre denn, wenn diese 100.000 Menschen sich dem Protest anschließen würden, wenn diese 100.000 Menschen sagen, hey, es geht jetzt zu weit, es reicht uns nicht mehr, irgendwo Schilder hochzuhalten, sondern wir nutzen jetzt mal das Mittel, das uns von der Geschichte für schwierige Zeiten an die Hand gegeben wurde: den friedlichen zivilen Widerstand und wir stellen uns mal wahrhaftig in den Weg.“
Im Audio hören Sie ein ausführliches Gespräch zwischen Bayern 2-Moderator Knut Cordsen und Carla Hinrichs.

