Der französisch-britische Jurist und Autor Philippe Sands hat das Vorgehen Israels im Gazastreifen und dem Westjordanland angeprangert. Die Angriffe der palästinensischen Terrororganisation Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 nannte Sands am Sonntag bei der Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in Frankfurt entsetzlich. Wie jeder Staat habe auch Israel das Recht, sich zu verteidigen. Doch seien in den Palästinensischen Autonomiegebieten Grenzen des Völkerrechts überschritten worden.
Kritik am „lauten Schweigen“ der Bundesrepublik
Dabei sei es unerheblich, welche konkreten Begrifflichkeiten man für die Geschehnisse verwende, betonte Sands in seiner mehrfach von Applaus unterbrochenen Rede. „Es gibt keine Hierarchie unter den verschiedenen Völkerstraftaten. Töten als Kriegsverbrechen oder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist nicht weniger schwerwiegend als ein Völkermord“, so der Jurist. „Dies sind alles schreckliche Verbrechen.“
Deutschland warf der aus einer jüdischen Familie stammende Friedenspreisträger vor, sich in der Debatte zu zögerlich zu verhalten. Die Bundesrepublik habe viele Gräuel angeprangert von Syrien bis Iran, von Myanmar bis Sudan. „Doch zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut. Zugleich sind die Debattenbeschränkungen beunruhigend.“
Kritik an den Zuständen im Gazastreifen oder dem Westjordanland sei weder antisemitisch noch „Anti-Israel“, fügte Sands hinzu. Gerade unter befreundeten Staaten gelte es, Missstände offen anzusprechen. Zugleich räumte der Friedenspreisträger ein, dass das Völkerrecht „nicht perfekt, uneingeschränkt wirksam oder gefeit vor Äußerungen roher Gewalt“ sei. „Aber eine Welt ohne Regeln ist unsinnig. Und diese Regeln sind nicht bloß für andere da, für unsere Feinde. Sie sind universell. Sie sind auch für uns da und unsere Freunde.“
Laudatorin Zadoff rühmt „Haltung und Klarheit“ von Sands
Sands ist Professor für Internationales Recht am University College London und wurde seit 2016 durch mehrere literarische Sachbücher einem breiten Publikum bekannt. Dazu gehört „Rückkehr nach Lemberg“, 2018 auf Deutsch erschienen. Darin erzählt Sands mit Blick auf die eigene Familiengeschichte von der Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen in der heute ukrainischen Stadt Lwiw während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg.
Der mit 25.000 Euro dotierte Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wurde dem 65-Jährigen in der Frankfurter Paulskirche überreicht. Damit würdigte die Jury den Einsatz von Sands für Gerechtigkeit, Frieden und das Völkerrecht. An dem Festakt nahmen zahlreiche prominente Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Gesellschaft teil, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
In ihrer Laudatio würdigte die österreichische Judaistin und Historikerin Mirjam Zadoff, Leiterin des NS-Dokumentationszentrums in München, Sands als einen Juristen, „der das Internationale Recht mit Haltung und Klarheit vertritt in einer Zeit, in der Sinn und Legitimation des Völkerrechts immer häufiger in Frage gestellt werden“.
Zugleich werde ein Geschichtenerzähler geehrt, „dessen Bücher hohen literarischen Anspruch mit historischer Präzision verbinden“, so die Leiterin des NS-Dokumentationszentrums München. „Und wir ehren einen Weltenwanderer, dessen Neugier, Offenheit und Heiterkeit ihn nicht nur in weit entfernte Gegenden unserer Zeit führen, sondern auch in vergangene Landschaften.“

