In der kollektiven Erinnerung an die Siebziger und Achtziger Jahre gleicht München einer Fernsehserie von Helmut Dietl. Da huschen Stenze, Klatsch-Kolumnisten und bauernschlaue Kerle durch Nobel- wie Glasscherbenviertel. Das Dietlsche München ist Sehnsuchtsort bis heute, Günther Maria Halmer ist der Tscharlie aus „Münchner Geschichten“, Helmut Fischer der „Monaco Franze“ und Franz Xaver Kroetz kein anderer als Baby Schimmerlos aus „Kir Royal“.
Doch gerade der letztgenannte ist damit überhaupt nicht einverstanden. „Wenn Sie nur noch als Fantasiefigur von Helmut Dietl existieren, dann schlagen Sie irgendwann um sich. Das ist doch logisch“, sagt Kroetz 2021 in einem BR-Interview. „Ich war vorher schon wer!“ Nämlich ein „stolzer eingebildeter Dramatiker“.
Vom Bananenschneider zum meistgespielten Dramatiker nach Brecht
1946 wird Franz Xaver Kroetz in München geboren. Schon jung will er unbedingt Schauspieler werden. Nach dem Rauswurf am Wiener Max-Reinhardt-Seminar und einem mühsam privat nachgeholten Schauspieldiplom, bleibt ein festes Engagement aber erstmal aus.
Er schlägt sich durch mit Hilfsarbeiterjobs. Lagerarbeiter, Irrenwärter und Bananenschneider in der Münchner Großmarkthalle. Nebenher sammelt er bei Rainer Werner Fassbinders „Antitheater“ ein bisschen Bühnenerfahrung. Da liegen in seiner Schublade schon eine Handvoll eigener Stücke, die bald die großen Bühnen der Republik erobern sollten.
Durchbruch in den 1970er Jahren
Nach dem Krieg, in den Fünfziger und Sechziger Jahren herrscht in der Bundesrepublik die Zeit der großen Verdrängung. Im Kino schaut man Heimatfilme, auf den bayerischen Bühnen Bauerntheater und Schmonzetten. Heimat ist da, wo man vergisst. In diese Welt platzt ein junger Wilder: Franz Xaver Kroetz. Er ersetzt die bayerische Gemütlichkeit durch schonungslosen Realismus.
In Stücken wie „Stallerhof“ oder „Wildwechsel“ gibt er in Mundart den unsichtbaren Verlierern des Wirtschaftswunders eine Stimme. Er wählt dafür kein Trachten-Bairisch, sondern ein Bairisch, das hart ist und karg. Oft von minutenlangen Pausen durchsetzt, in denen sich die soziale Enge und Gewalt der Stuben erst so richtig entfalteten können.
Skandale und Widersprüche
Die Uraufführungen von „Heimarbeit“ und „Hartnäckig“ an den Münchner Kammerspielen 1971 werden zum handfesten Theaterskandal. Die sittliche Kulturbürgerschaft der Landeshauptstadt und Rechtskonservative aus der Provinz sind entsetzt und machen mobil. Noch bevor es losgeht: Zwei Dutzend Polizisten zum Schutz, faule Eier an der Fassade. Während der Vorstellung fliegen Stinkbomben und es hagelt Hausverbote. Danach: frenetischer Applaus für die Schauspieler, Buhrufe gegen den Autor. Nur zwei Jahre später ist Kroetz nach Brecht der meistgespielte Autor im deutschsprachigen Raum.
Rückschlag und Wiedergeburt als Schimmerlos
In den 80ern dominieren mit „Disco“ und „Punk“ nun antipolitische, ironische Perspektiven. Kroetz-Stücke sind kaum mehr gefragt. Ausgerechnet in diese Zeit fällt ein Anruf, der noch einmal alles verändert. Helmut Dietl besetzt ihn, der kaum Erfahrung vor der Kamera hat, in der Kultserie „Kir Royal“ als Klatschreporter Baby Schimmerlos.
Kroetz spielt die Rolle mit einer solchen Unerbittlichkeit und oberbayerischen Ignoranz, dass die Kunstfigur untrennbar mit seiner Person verschmilzt. Nach dem Erfolg der Serie schreibt Kroetz im wirklichen Leben Kolumnen für die Bild-Zeitung und macht bald selbst Schimmerlos-Schlagzeilen. Ende der Achtziger Jahre heiratet er Marie-Theres Relin. Sie ist gut zwanzig Jahre jünger als er. Das Glamour-Paar füttert bereitwillig die Klatschpresse. 2006 dann die Scheidung.
Doppeltes Comeback mit „Brandner Kaspar“
Im Jahr 2008 gelingt Kroetz ein Comeback als Schauspieler: Bayerischer Filmpreis für die Titelrolle im Film „Der Brandner Kasper“ von Joseph Vislmeier mit Bully Herbig als Boandlkramer. Der Stoff holt Kroetz 2025 noch einmal ein. Für das Münchner Residenztheater schreibt er das Volkstück im Kroetz-Stil neu.
Kroetz gelingt ein modernes Volksstück und ein letzter Coup. An die Unsterblichkeit nach dem Tod, wie sie im „Brandner Kaspar“ erzählt wird, glaubt Kroetz dagegen nicht. „Ich werde 80. Das ist das Ende und mein Leben kann ruhig zu Ende gehen,“ sagt Kroetz. „Ich habe gerne gelebt und werde auch mal gerne gestorben sein“.

