Er sei „wunderbar lebendgeblieben“ im – mit den Worten seines Leitsterns Heine – Freiheitskrieg der Menschheit, schreibt Wolf Biermann in einem seiner neuen Gedichte. Er blickt in seinen Gedichten und Liedern zurück – und eben: mit uralten Kinderaugen – auf die Welt. Und genauso zurück auf den eigenen Lebensweg, auf Zäsuren wie die Ausbürgerung aus der DDR im November 1976.
„Die Freiheit. Die Freiheit, so verflucht leicht und so schwer! / Von Deutschland nach Deutschland! Tja, nun, im Exil…“ heißt es an einer Stelle. Dazu sagt Wolf Biermann: „Mein Glück, dass ich dann doch endlich rausgeschmissen wurde, gegen meinen Willen. Das war der Bruch, wie man auf Deutsch sagt, der Break in meinem Leben. Da beginnt für mich eine neue Zeit auf allen Gebieten.“
Die Gedichte und Lieder sind in den vergangenen 20 Jahren entstanden. Mit einer Ausnahme: „Frau Freiheit“. Ein Text aus dem Jahr 1963, in dem Wolf Biermann den Parteibonzen in der DDR längst den Fehdehandschuh zugeworfen hatte. Aus Furcht vor dem imaginären Spott Brechts, seinem anderen Leitstern, blieb es bis jetzt in der Schublade.
Gedichte und Lieder über die Freiheit – so leicht und so schwer
„Idiot Biermann! Wie kannst du so dumm sein und dieses Lied eines jungen Mannes verraten, verfaulen lassen im Archiv?“, fragte er sich irgendwann selbst. „Ist das nicht komisch? Jetzt erst bin ich diesem Text geistig, moralisch, politisch, ästhetisch gewachsen.“
Die Gefährdungen der Freiheit – zu verschiedenen Zeiten – waren immer Thema für Wolf Biermann. In den Texten in „Mit uralten Kinderaugen“ schreibt er an gegen den völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, gegen den Kriegstreiber Putin. Ebenso gegen den Terroranschlag der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023. Wolf Biermann: „Ich schreibe Gedichte und Lieder über diese Themen, weil ich mir selber helfen muss. Damit ich selber nicht verrückt werde. Und wenn die Muse mich dabei auch noch küsst, dann kann dabei auch ein Gedicht herauskommen, das noch andere Leute brauchen können.“
Immer wieder hat Wolf Biermann auch Gedichte aus anderen Sprachen übersetzt, darunter Shakespeares Sonette. Im neuen Band gibt es – der längste Text – eine Nachdichtung von Jewgeni Jewtuschenkos berühmtem „Babyn Jar“ über die Ermordung der Juden in Kiew, nach dem Einmarsch der Deutschen 1941. „Die Altweiberschlucht“ heißt es auf Deutsch. Es erzählt auch von Wolf Biermanns Erfahrungen bei einem Besuch in der Ukraine 1992. Er war auch in Babyn Jar: „Dann buchstabiere ich auf diesem Gedenkstein, der dort steht, zur Erinnerung an diesen Massenmord und kann es gar nicht fassen. So viel Russisch kann ich lesen. Kein einziges Wort von Juden. Dort steht: Hier wurden 33.000 sowjetische Bürger von den Deutschen ermordet. Dass sie alle Juden waren, war nichts, dass sie in der Stalin-Zeit öffentlich ausstellen wollten.“
Abkehr vom Kommunismus
Mit dem Lebens-Lieder-Buch erscheint eine Auswahl aus dem umfangreichen Tagebuchwerk Wolf Biermanns. Die Texte aus den Jahren 1962 bis 90 knüpfen an die vor zehn Jahren erschienenen Erinnerungen an. Und führen immer wieder auch zu den viel später entstandenen Gedichten. Unter anderem wird in der Chronik erfahrbar, wie der Schriftsteller Manès Sperber in Paris in den 80er Jahren Biermanns Bruch mit dem Kommunismus anstieß: „Er sagte etwas sehr Raffiniertes zu mir: Biermann, Sie sind dümmer als ihre Gedichte! (lacht) In Ihren Liedern sind sie viel weiter als in dem, was Sie so erzählen. Sie sind doch gar kein Kommunist. Allein dafür hat sich die ganze Ausbürgerung gelohnt, dass ich nach Paris konnte.“
Ein Glückskind sei er, schreibt Wolf Biermann immer wieder – und nennt als eine der wichtigen Erfahrungen eben auch die Abkehr vom Kommunismus nach dem Rauswurf. Und er erklärt, dass Biermann erst im Nichts (und im Ewigen Frieden) seine Schnauze halten werde. Ein guter Vorsatz.
„Mit uralten Kinderaugen“ heißt das neue Buch mit Liedern und Gedichten von Wolf Biermann, das bei Penguin erscheint. Ebenso wird dort eine Auswahl aus den Tagebüchern Wolf Biermanns veröffentlicht, mit dem Titel „Ihr löscht das Feuer mit Benzin“, herausgegeben von Ilko-Sascha Kowalczuk. Und hier können Sie Wolf Biermann zu Gast im Bayern 2-Podcast „Buchgefühl“ hören.

