„Vorglühen“ ist in München angesagt, wenige Tage vor dem Beginn des Oktoberfestes. Die einen können es kaum noch erwarten, die anderen gruseln sich vor Verkehrschaos, Lärm, Dreck und alkoholbedingten Übergriffen: „Das ist von außen betrachtet in erster Linie alles extrem unangenehm, dieses Sich-vollsaufen“, so Ursli Pfister.
Er hat demnach mindestens ein ambivalentes Verhältnis zur Wiesn. Er muss auch nicht unbedingt hin, denn er steht zeitgleich auf der Bühne der Komödie im Bayerischen Hof in einem amerikanischen Musical, das die „beinah wahre“ Geschichte des Volksfests zeigen will.
Der in Michigan geborene Philip LaZebnik hat sie aufgeschrieben, offenbar fasziniert von der Wiesn-Tradition seit 1810. Bekannt wurde der Mann mit seinen Zeichentrickfilm-Drehbüchern etwa für „Pocahontas“. Sein Musical wurde vor ein paar Jahren erstmals in Los Angeles gezeigt, später am Renaissancetheater in Berlin, von wo es jetzt an die Isar kam. Ob es eine Satire ist oder eher eine Comedy, das bleibt in der Schwebe.
„Dann bin ich nicht mehr dabei“
Der prominente Komponist des Musicals und gebürtige Münchner Harold Faltermeyer („Beverly Hills Cop“, „Top Gun“) jedenfalls hat auch so seine Probleme mit den Bierzelt-Exzessen: „Wenn es dann wirklich ausartet zum Wildleder-Fasching, dann bin ich nicht mehr dabei. Ich bin übrigens auch froh, dass der neue Bürgermeister gesagt hat, dass es diese Champagner-Duschen nicht mehr geben wird. Ich glaube, das passt nicht mehr in unsere Zeit, wo Menschen hungern, wo Menschen wenig Geld haben, Champagnerflaschen zu köpfen für 7.500 Euro und Regenschirme zu verteilen. Ich finde das dekadent.“
In Los Angeles oder Berlin mag es angehen, sich mit einem trashigen Musical über die Wiesn und deren Geschichte lustig zu machen, die Krüge zu heben und den späteren König Ludwig I. zu verspotten. Aber ob das auch in München funktioniert? Die Salzburger hadern ja bis heute mit dem US-Musical „Sound of Music“, weil sie sich darin auf gut amerikanische Weise blamiert fühlen.
„Lachen über die zweite Ebene“
Harold Faltermeyer sagt: „Ich mache mir darüber keinen Kopf, denn wir haben ja den Titel als ‚almost true story‘ gestaltet. Es wird bereits beim Titel suggeriert, dass wir hier eine Comedy haben. Dazu gehört natürlich auch, dass man natürlich ab und zu mal ein bisschen was auf die Schippe nimmt und dass man nicht so unbedingt authentisch ist. Ich finde, dass wir in München auch offen dafür sein sollten, dass so was auch möglich sein sollte.“
Es ist schon arg grotesk, was in diesem Oktoberfest-Musical geboten wird, szenisch wie musikalisch. Geradezu staunenswert mutig, damit auf Tournee zu gehen. Hauptdarsteller Ursli Pfister sagt: „Es geht einerseits um die Geschichte des Oktoberfests, andererseits geht’s aber – und das ist ganz wichtig – um eine Theatertruppe, die gerne diese Geschichte erzählen möchte. Und diese zweite Ebene, die macht das für mich eigentlich überhaupt erst konsumierbar, so dass man auch darüber lachen kann.“
„Es soll international sein“
Im Publikum werden Bierflaschen verteilt, dem Gerstensaft wird auch eine Hymne gewidmet, kräftig zugeprostet, aber „coziness“, besser bekannt als Gemütlichkeit, kommt auf keinen Fall auf. Oktoberfest-Verächter fühlen sich hier vermutlich wohler als die Fans. Überhaupt ist dem Musical anzumerken, dass es mal für Los Angeles geschrieben wurde und sich um deutsche Befindlichkeiten wenig kümmert.
„Es soll international sein“, so Faltermeyer: „Beim Musical hat man ja die wunderbare Möglichkeit, sich in allen Genres zu bedienen. Es geht ja eigentlich los mit einer ganz klassischen Revue-Nummer. Wir geben dann natürlich schon Gas mit dem bayerischen Sujet, dem Bier-Song. Aber es gibt eben diese Farben, und die machen das Musical erst wirklich interessant, dass es eben verschiedene Stilrichtungen sind, die wir da reinbringen. Das geht nicht allein mit Rock ’n‘ Roll oder mit der Musik, für die ich berühmt bin.“
„Oktoberfest a Musical. An almost true story. Beinah wahr…“ in der Komödie im Bayerischen Hof in München, bis 4. Oktober 2026

