Russland strebt auf den internationalen Bühnen nach einem Comeback. Bei der Eingangszeremonie der jüngsten Paralympischen Spiele durften Athleten aus Russland mit russischer Flagge einlaufen. Nach zehn Jahren Ausschluss wegen des Angriffskriegs und staatlich koordinierten Dopings ertönte nach dem Sieg einer russischen Athletin im Super-G erstmals wieder die russische Nationalhymne. Schrittweise kehrt Russland, begleitet von Protesten der Athleten verschiedener Länder und Nationen, also wieder zurück auf die Weltbühne des Sports. Und nun wohl auch bald wieder auf die Weltbühne der Kunst:
Die Veranstalter der alle zwei Jahre stattfindenden Kunstschau in Venedig haben am Mittwoch mitgeteilt, dass sie Russland in diesem Jahr die Beteiligung gestatten würden. Die Biennale sei eine „offene Institution“, hieß es in einer Erklärung. Die Einrichtung weise „jede Form von Ausschluss oder Zensur in Kultur und Kunst“ zurück.
Kritik aus der Ukraine und von Italien
Vertreter der ukrainischen Regierung haben die Entscheidung scharf kritisiert. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha und Kulturministerin Tetjana Bereschna riefen die Veranstalter am Sonntag dazu auf, „ihre Entscheidung zu überdenken“. Der Kulturbereich müsse geschützt werden vor Kriegspropaganda. Laut Sybiha und Bereschna habe die designierte Leiterin des russischen Pavillons, Anastassia Karnejewa, Kontakte zur Rüstungsindustrie ihres Landes. Das unterstreiche, „dass Kultur in Russland untrennbar mit dem militaristischen Regime verbunden ist“.
Auch Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni distanzierte sich. Das Kulturministerium in Rom erklärte, die Entscheidung sei „vollkommen eigenständig von der Biennale-Stiftung getroffen worden, trotz des Widerstands der italienischen Regierung“.
EU droht mit Entzug ihrer Zuschüsse
Europäische Spitzenpolitiker stellen sich gegen die geplante Wiedereröffnung des russischen Pavillons. „Diese Entscheidung der Fondazione Biennale ist nicht vereinbar mit der kollektiven Reaktion der EU auf die brutale Aggression Russlands“, kritisierten der für Kultur zuständige EU-Kommissar Glenn Micallef und Henna Virkkunen, die EU-Vizepräsidentin für Technologie, Sicherheit und Demokratie. Sollte die Fondazione dabei bleiben, werde man „weitere Maßnahmen prüfen, einschließlich der Aussetzung oder Beendigung eines laufenden EU-Zuschusses an die Biennale Foundation“.
Die EU-Kommission stellt derzeit nach Angaben eines Sprechers über einen Zeitraum von drei Jahren insgesamt zwei Millionen Euro zur Verfügung. Damit hilft sie der Venice Production Bridge bei der Unterstützung von Filmproduzenten und immersiver Technik. „Kultur fördert und schützt demokratische Werte, fördert offenen Dialog, Vielfalt und Meinungsfreiheit und sollte niemals als Plattform für Propaganda genutzt werden“, teilten die Politiker mit.
Buttafuoco: „Eine Biennale des Waffenstillstands“
Biennale-Leiter Pietrangelo Buttafuoco, 2023 von der rechten Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ins Amt gehoben, erklärte: „Keine Boykotte, keine Vetos, keine Säuberungen: Die Biennale geht einen anderen Weg als die Politik.“ Russland werde genauso wenig ausgeschlossen wie alle anderen Länder, die sich im Krieg befänden: auch Israel, auch der Iran und auch die Ukraine. Buttafuoco fügte noch hinzu, eine „Biennale des Waffenstillstands“ veranstalten zu wollen – auch wenn es aktuell für eine Feuerpause keine Anzeichen gibt.
Moskaus Projekt: „Der Baum ist im Himmel verwurzelt“
In Moskau laufen die Vorbereitungen längst. Präsentiert werden soll in den Biennale-Gärten ein Musik- und Performanceprojekt „Der Baum ist im Himmel verwurzelt“, an dem mehr als 50 Künstler beteiligt sind. Kuratorin des russischen Pavillons ist Anastassija Kornejewa, Tochter eines Geheimdienstgenerals und Geschäftspartnerin einer Tochter von Außenminister Sergej Lawrow. Betrieben wird das Vorhaben vom Kreml-Beauftragten für internationalen Kulturaustausch, Michail Schwydkoi.
Staatlich gelenkte Kulturpolitik Russlands
Die Namen stehen für eine staatlich gelenkte und autoritäre Kulturpolitik, vor der Dutzende Regisseure, Musiker, Schriftsteller und andere Künstler seit Kriegsbeginn geflohen sind. Für Moskau wäre der Auftritt in der Lagunenstadt ein weiterer Triumph im Vorhaben, trotz aller Proteste aus der Ukraine und fast geschlossener Ächtung durch Europa in den Kreis der internationalen Gemeinschaft zurückzukehren.
Russland hatte zwei Mal nicht an der Kunstbiennale teilgenommen: 2022 hatten die bereits ausgewählten russischen Künstler ihre Teilnahme aufgrund des Angriffskrieges selbstständig zurückgezogen.
Die Kunstbiennale in Venedig zählt zu den wichtigsten internationalen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. In diesem Jahr läuft sie vom 9. Mai bis zum 22. November.
Im Audio hören Sie ein Gespräch von Bayern 2-Moderator Tobias Ruhland mit ARD-Korrespondentin Anna Giordano in Rom.

