Sie war eine Vorreiterin, aber machte kein Aufhebens darum. Antje Kunstmann war alles Großspurige fremd, weshalb sie einem, wenn man sie darauf ansprach, dass sie doch eine der allerersten Verlegerinnen hierzulande war, lakonisch antwortete: „Naja, objektiv war ich das vielleicht.“
Bis zuletzt war Antje Kunstmann, wiewohl sie 2023 die Amtsgeschäfte an ihren Sohn übergeben hatte, eine Verlegerin, die voller Neugier nach Stimmen, Stoffen und Themen Ausschau hielt. Neugier, das war ohnehin die wichtigste Eigenschaft für die Frau, die als eine der ersten überhaupt in der Bundesrepublik 1976 einen unabhängigen Verlag gründete, dessen fünfzigjähriges Bestehen in diesem Herbst sie nun nicht mehr mitfeiern kann: die leise lächelnde, Lebensfreude ausstrahlende Verlegerin, die Feste zu feiern verstand wie keine andere.
Pionierin ohne Allüren
Ob in den Münchner Verlagsräumen mit der hochbetagten, Zigarre rauchenden US-amerikanischen Radiolegende Studs Terkel, dessen Interview-Buch „Gespräche um Leben und Tod“ sie Anfang des Jahrtausends auf Deutsch herausbrachte, oder bei sich zu Hause. Als sie 2022 auf der Leipziger Buchmesse mit dem renommierten Kurt-Wolff-Preis dafür geehrt wurde, dass sich ihr Münchner Verlag durch alle Branchenkrisen hindurch die Unabhängigkeit bewahrt hatte, gab sie als Maxime ihres Handelns aus: „Erstens mal muss man in seiner Zeit aufmerksam leben – politisch. Das ist, glaube ich, eine wichtige Sache. Und dann ist es so, dass man, wenn man es gut und professionell macht, auch dieses Glück dazu braucht.“
Dass sie es war, die Kristof Magnusson und Axel Hacke zu Bestseller-Autoren machte, bewies ihr feines verlegerisches Gespür, zu dem sich ein Faible für alles Humoristische gesellte, wie die von ihr etablierte Reihe „Meister der komischen Kunst“ zeigt. Antje Kunstmann verlegte die Karikaturisten Achim Greser und Heribert Lenz, komische Dichtung von Fritz Eckenga und Zeichnungen von Marie Marcks.
„Das stimmt, weil mit dem Buch von Marie Marcks fing alles an“, erzählte sie dem Bayerischen Rundfunk einmal. „Das war das erste Buch, das ich akquiriert habe. Das kam einfach so, dass ich in der Süddeutschen Zeitung diese Karikaturen von ihr besonders komisch gefunden habe. Und wenn man dann eine solche Autorin als erste in einem Verlegerleben hat, dann bedeutet das was. Dann kommen andere dazu. Dieses erste Buch war ausschlaggebend für diese ganze Reihe, die sich dann in den Verlag eingeschlichen hat, sage ich mal.“
Faible für Humoristisches
Feministische Gedichte finden auf diese Weise bis heute im facettenreichen Kunstmann-Programm genauso Platz wie üppig illustrierte Kinder- und Kochbücher und international herausragende Romane der anglophonen wie der spanischen Welt. Dabei war dieser engagierten Verlegerin die literarische Relevanz ebenso wichtig wie die gesellschaftliche.
Die Zeitläufte begleitete sie stets kritisch, auch mit Mammut-Editionen wie den 2018 von ihr verlegten Protokollen des NSU-Prozesses: „Auf jeden Fall. Weil ich denke, dass man bestimmte gesellschaftliche Fragen durch Bücher am besten vertiefen kann. Und darum ist es mir immer gegangen. Ob’s Umweltfragen waren oder richtig harte politische Fragen. Und bei dem NSU-Prozess, den mein Sohn übrigens in den Verlag gebracht hat, das ist mir ein großes Anliegen gewesen, diese Protokolle in einem Buch haltbar zu machen, weil ich glaube, dass man darin sehr viel nachlesen kann über die Geschichte der Wiedervereinigung und auch die Geschichte des Rechtsradikalismus, die uns wirklich noch lange beschäftigen wird. Das ist leider eine traurige Tatsache, glaube ich.“
Ein Verlag wie eine Familie
Ihren Verlag, den Kunstmann-Verlag, führte Antje Kunstmann jahrzehntelang wie eine Familie – als eine Art mater familias. „Das ist in der Tat so, dass es ein sehr persönliches Verhältnis ist, und das ist etwas ganz Entscheidendes, das hat was mit Motivation zu tun. Und es hat natürlich auch etwas mit der Anzahl der Leute zu tun. Wenn es größer wird, wenn da irgendwelche Abteilungsleiter sitzen oder frag mich was, dann wirdʼs deutlich anonymer. Im Umkehrschluss finde ich, dass gerade dieses Persönliche, dass jeder die Autoren kennt, dass jeder sich so engagiert, in einer Welt, die immer anonymer wird, in ihren Strukturen auch, gerade für die Bücher und die Autoren auch immer bedeutender wird. Weil das heißt, der Mensch und das Buch hat alle Aufmerksamkeit von den Leuten, die da sind.“
Nun ist diese große Verlegerin Antje Kunstmann im Alter von 77 Jahren gestorben. Ihr Sohn Moritz Kirschner hat dies dem BR gegenüber bestätigt.

