Die Figur des Pedanten dürfte zu den meistverlachten Gestalten überhaupt zählen. Es gibt viele Synonyme für ihn: Beckmesser, Besserwisser, Kleinkrämer, Erbsenzähler, Ameisentätowierer, I-Tüpferlreiter, Korinthenkacker. Kurzum: Wer es mit seiner Penibilität peinlich genau nimmt und deshalb ein Pedant genannt zu werden verdient, hat in aller Regel verloren. Umso erfrischender, dass der Basler Medienwissenschaftler Markus Krajewski jetzt eine Verteidigung, geradezu ein Lob des Pedanten vorlegt: einen erhellenden Essay mit dem Titel „Pedanten. Die ungeliebten Meister der Akribie“.
Krajewski analysiert, was ein Pedant überhaupt ist und worin vielleicht auch dessen verborgene produktive Kraft ruht. Im Lauf des Essays offenbart der Medienwissenschaftler, selbst ein Pedant zu sein, Erkennungsmerkmal: Ordnung. „Das kann damit anfangen, wie man seinen Tagesablauf strukturiert, das geht über das Einrichten der Zimmer und die eigenen Arbeitspraktiken. Prinzipiell geht es natürlich darum, dass ein Pedant ein gutes Verhältnis zur Genauigkeit unterhält. Dass es ihm wichtig ist, zu schauen und zu prüfen, ob wirklich alles in Ordnung ist.“
Was ist ein Pedant überhaupt?
Laut Krajewski haben Pedanten auch einen Hang zu Fremdwörtern. Deshalb berichtigt oder verbessert der Pedant andere auch nicht – er emendiert natürlich. Der Pedant ist eine Sozialfigur des Wissens, die in der Frühmoderne entsteht, berichtet er: „Er taucht eigentlich erst so im frühen 16. Jahrhundert auf, und zwar auf den Bühnen Italiens. Es entwickelt sich dort ein ganzes Genre, wo eine solche lächerliche Gestalt auftaucht, die typischerweise den Lehrer verkörpert.“
Am Ende sind wir alle Pedanten: Diesen Satz von Goethe führt der Medienwissenschaftler auch an. Goethe selbst, den Eindruck gewinnt man bei der Lektüre des Essays, wurde umso pedantischer, je älter er wurde. Krajewski: „Wir haben es hier mit jemandem zu tun, der eine ganze Literaturrichtung, nämlich den Sturm und Drang, mitbegründet, die vor allem auf das unmittelbare Schaffen, auf das genialische Arbeiten hin ausgerichtet ist. Das ist aber der maximale Kontrast gegenüber dem echten Goethe, könnte man sagen, der eben als ausgebildeter Jurist schon sehr früh, sehr sorgfältig mit einer Aktenführung beginnt. Das heißt, wir haben es mit einer ausdifferenzierten, mit einer fein nuancierten Aktenführung zu tun, die die Grundlage ist für das literarische Schaffen, für die naturwissenschaftlichen Forschungen, die Goethe macht.“
Eher Bremse oder Fortschritts-Anzeiger?
Allgemein gesprochen ist der Pedant ein strukturkonservativer Charakter, also eher Bremse als Fortschrittsmotor. Doch gerade in dieser hemmenden, aufhaltenden Natur erkennt Krajewski etwas Produktives. In der Wissenschaft sitzt der Pedant an der Grenze zwischen etabliertem Wissen und Innovation: „Ich habe ihn als Grenzpolizist beschrieben, also jemand, der argwöhnisch darüber wacht, ob das, was da an Neuem, an Innovation hinein möchte, überhaupt berechtigt ist. Das ist natürlich eine Art von konservativer Position. Aber da, wo ein pedantischer Aufschrei erfolgt, da, wo jemand versucht, diese Art von Innovation zurückzuweisen, ist das ein Indikator dafür, dass sich hier etwas bewegt, dass hier etwas Neues im Entstehen begriffen ist.“
Mehr Pedanterie wagen!
Markus Krajewski war selbst einmal Software-Entwickler. Er spricht also durchaus über Vertrautes, wenn er sagt, dass gerade im Zeitalter der rasanten digitalen Revolution, in Zeiten von künstlicher Intelligenz und Algorithmenmacht, dem Pedanten fast die Rolle eines Widerstandskämpfers zukommt. „Mein Argument ist, das lässt sich nur durch Vergleichen, durch einen genauen Blick, durch ein akribisches Hinschauen im Vergleich zwischen analogem Wissen und digitalem Wissen überhaupt rekonstruieren. Und die Praktik dafür ist eben das Vergleichen, das genaue Hinschauen, das Insistieren und vielleicht auch den Willen zur Korrektur oder den Verdacht zumindest, dass es hier ein Fake ist. Und schlicht gesagt: Da hilft nur Pedanterie.“
Das Gebot der Stunde lautet für Markus Krajewski also: mehr Pedanterie wagen. Mit ihr könne man den KI-generierten Bildwelten der Slopaganda durchaus die Stirn bieten. Sein anregender Essay „Pedanten. Die ungeliebten Meister der Akribie“ erscheint dieser Tage im Verlag zu Klampen.

