Ende April 1945. Bei Nacht und Nebel rollen Transporter mit Tonnen von Papier aus der Münchner Innenstadt nach Norden. „Die Karteikarten wurden in Lkw-Ladungen nach Freimann gefahren und dann in der Kartonagefabrik einfach ausgekippt“, erzählt Kunsthistorikerin Iris Lauterbach. In den Transportern befinden sich hunderttausende Mitgliedskarten der NSDAP. Die Nazis wollen sie in der Papierfabrik Wirth in München Freimann vernichten, um sie nicht den anrückenden Amerikanern zu überlassen.
Hanns Huber ist damals Geschäftsführer der Fabrik. Und er tut erst einmal: nichts, spielt auf Zeit, bedeckt die Akten einfach mit anderem Altpapier. Das war für ihn hochriskant, sagt die Kunsthistorikerin Iris Lauterbach. „Denn das war eine Zeit, in der die Nazis hochnervös waren und jeden, der sich widersetzte, sofort erschossen haben.“
Für die NSDAP-Akten setzte Huber sein Leben aufs Spiel
Warum riskierte Hanns Huber für die Karten sein Leben? Historikerin Iris Lauterbach vermutet, dass das auch mit seinen persönlichen Erfahrungen zu tun haben könnte: „Man weiß, dass ein Bruder von ihm emigrieren musste, wegen seiner jüdischen Frau. Das ist also völlig klar, dass der einen anderen Blick auf das NS-Regime hatte als die vielen NSDAP-Fans.“
Iris Lauterbach hat über Jahre die Geschichte der Mitgliederdatei erforscht. Eintritte, Todesfälle, Umzüge, alles wurde dort akribisch dokumentiert. Als die NSDAP-Mitgliedsakten vor einigen Monaten online gestellt wurden, bei Spiegel, Zeit und Süddeutscher Zeitung, brachen zum Teil die Server zusammen – so groß war das Interesse.
Auch Journalistin Katharina Riehl tippte den Namen ihres Opas ein. Und war schockiert: Er war nicht nur Parteimitglied, sondern auch bei der Schlägertruppe SA: „Ich hab wirklich am Anfang gedacht, das muss ein Fehler sein. Dann hab ich meiner Mutter geschrieben. Sag mal Mama, wann ist der Großvater geboren? Dann war schon irgendwie klar, dass das vermutlich keine Verwechslung ist.“
Nachwirkungen der Nazi-Kartei bis heute
Bisher dachte Katharina Riehl, ihr Großvater sei eine Art Widerstandskämpfer gewesen, erschossen von fanatischen Nazis, in den letzten Kriegstagen, zusammen mit vier weiteren Männern, weil sie Altötting kampflos den Amerikanern übergeben wollten. In der Stiftskirche gibt es sogar eine Gedenkstätte. Jetzt muss ein Teil der Familiengeschichte neu geschrieben werden: „Wie kann es sein, dass das nicht besprochen wurde und auch ich selber nie wirklich nachgefragt habe. Wenn man dann im Gymnasium den Nationalsozialismus durchgenommen hat, dann wusste man, meine Familie war ja auf jeden Fall auf der richtigen Seite gestanden. Das war natürlich auch ganz angenehm. Das treibt mich ehrlich gesagt emotional stärker um als die Frage, ob der Großvater jetzt gut oder böse war.“
Katharina Riehl nimmt die NSDAP-Mitgliedschaft ihres Opas zum Anlass, weiter zu seiner Geschichte zu forschen. Der Retter der Nazi-Akten, Hanns Huber, starb 1951. Sein mutiges Handeln verändert gerade bei vielen den Blick auf die eigene Familie.

