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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Wenn sich der Hetero schämt: Coming Out geht auch umgekehrt
Kultur

Wenn sich der Hetero schämt: Coming Out geht auch umgekehrt

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 28. November 2025 08:48
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Er traut sich was: René Heinersdorff, Intendant der Komödie im Bayerischen Hof in München, schrieb ein Stück über ein umgekehrtes Coming Out und zitierte im Titel ausgerechnet den Berliner Ex-Bürgermeister Klaus Wowereit, der im Juni 2001 den Satz prägte: „Ich bin schwul – und das ist auch gut so.“

Inhaltsübersicht
„Können wir jemanden lieben oder nicht?“„Endlich wird es mal für normal gehalten“

Der seit sieben Jahren scheinbar glücklich verheiratete Schwule Bernd (Carl Bruchhäuser) verliebt sich in diesem Fall jedoch unerwartet in Stephanie (Yael Hahn) und entdeckt seine heterosexuelle Neigung: „Er schämt sich dafür, dass er plötzlich heterosexuell geworden ist“, erläutert René Heinersdorff. „Und die Familie findet es schrecklich, dass er heterosexuell geworden ist.“ Heinersdorff habe das, was vielen in der Gesellschaft passiert – nämlich, dass sie plötzlich eine homosexuelle Veranlagung in sich feststellen und sich dafür schämen – umdrehen wollen. „Ich habe gesagt: ‚Wie wäre es denn, wenn wir Heterosexuellen uns schämen würden für unser Begehren?“

Ziemlich heikel, diese Thematik, schließlich könnte mancher Zuschauer auf die Idee kommen, Homosexualität sei doch nur eine „Laune“ oder womöglich sogar „heilbar“, wie evangelikale Fundamentalisten immer noch behaupten. Doch René Heinersdorff schafft es tatsächlich, bei seiner Fahrt über die höchst unruhige See der aktuellen Geschlechter-Debatten alle Untiefen zu vermeiden. Sein Trick: Nicht nur Bernd sieht sich mit einem unerwarteten sexuellen Begehren konfrontiert. Auch andere Mitwirkende verlieben sich neu, und zwar durchaus kreuz und que(e)r.

„Können wir jemanden lieben oder nicht?“

Bernds Mama Rotraud (Ursula Karven) mäandert als experimentierfreudige Spezialistin für Kurzzeit-Beziehungen durchs Leben, Bernds Ehemann Max (Patrick Dollmann) macht keineswegs vor vermeintlichen Hetero-Männern halt und dessen Mutter Gisela (Simone Rethel-Heesters) muss zum Finale auch einen herben Schicksalsschlag verkraften. Natürlich wirkt das alles konstruiert und völlig unglaubwürdig, aber als absurde Farce über die verbissen geführte Auseinandersetzung um Identitäten und sexuelle Neigungen ist es sehr unterhaltsam.

„Das Publikum fühlt sich, das ist meine Hoffnung als Autor, dabei ertappt, dass es sagt: ‚Na ja, die haben schon recht, wir denken manchmal so falsch über homosexuelle Beziehungen'“, erklärt René Heinersdorff. Das sei eine Kernaussage des Stückes: „Geht es wirklich darum, wie wir sexuell orientiert sind? Geht es wirklich darum, um welches Geschlecht wir uns bemühen? Geht es darum, wo wir uns zugehörig fühlen?“ René Heinersdorff sagt: „Nein, es geht doch darum: Können wir jemanden lieben oder können wir jemanden nicht lieben?“ Und das sei völlig unabhängig von Geschlecht, Orientierung oder Zugehörigkeit.

„Endlich wird es mal für normal gehalten“

Das eher ältere Stammpublikum eines Boulevardtheaters interessiert sich in der Regel nicht für die Feinheiten des Geschlechterdiskurses. Deshalb ist es durchaus verdienstvoll, dass die Komödie im Bayerischen Hof den Zuschauern nebenbei erklärt, was eigentlich Cis- und Transfrauen sind und dass eine Geschlechtsidentität nicht „anerzogen“ werden kann, etwa durch zu großzügigen Einsatz von Haarspangen und Puppen im Jungs-Zimmer.

„Gerade wenn wir, ich sage jetzt mal: Minderheitenthemen abgehandelt haben, haben sich eigentlich die Leute, auf die diese Witze abzielten, also die betroffenen gesellschaftlichen Gruppen, eher positiv geäußert, weil sie sagten: ‚Mensch, endlich wird mal ein Witz darüber gemacht, Mensch, endlich wird es mal für normal gehalten, Mensch, endlich wird es mal thematisiert.'“, so René Heinersdorff: „Und die Leute, die eigentlich gar nichts damit zu tun haben, die haben sich viel mehr aufgeregt und gesagt: ‚Wieso kann man so was machen, das kann man doch so nicht thematisieren, das muss man doch ernst nehmen.‘ Dazu trägt dieser Abend bei, dass wir über bestimmte Dinge lachen, ohne zu diskriminieren.“

Ein vergnüglicher Abend über „Wahlverwandtschaften“, die bekanntlich schon Goethe besungen hat. Aber Vorsicht: Liebe kostet in jede Richtung Zeit und Nerven – einwärts und auswärts.

Bis 11. Januar 2026 in der Komödie im Bayerischen Hof in München

 

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Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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