Wilfried Hiller 85. Geburtstag
Geschichtenerzähler gegen den Zeitgeist
Geschichtenerzähler gegen den Zeitgeist
Mit den Erwartungen seiner Lehrer an zeitgenössische Komponisten konnte sich Wilfried Hiller schon als Student nicht identifizieren. Ein Liebesliederverbot? Nicht mit ihm. Er ging seinen eigenen Weg – und das sehr erfolgreich. Mit Werken wie „Norbert Nackendick“ oder dem Dauerbrenner „Das Traumfresserchen“ wurde er einer der meistgespielten deutschen Bühnenkomponisten unserer Zeit. Ein Porträt zu seinem 85. Geburtstag am 15. März.
Bildquelle: Astrid Ackermann
Audio: Komponist Wilfried Hiller im Gespräch
Der Wahlmünchner Wilfried Hiller gehört zu den erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart, obwohl – oder gerade weil – er von Beginn an seinen eigenen Weg gegangen ist. Seine Tonsprache ist für das Publikum eingängig und verständlich. Dabei eckte Hiller zu Studienzeiten durchaus an. Im Alter von 21 Jahren lernte er bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik Vertreter der seriellen Musik wie Karlheinz Stockhausen oder Pierre Boulez kennen. Mit der damals verbreiteten, vorwiegend intellektuell gesteuerten Art zu komponieren konnte er sich allerdings kaum identifizieren. Für ihn habe das im Kern alles gleich geklungen – bei seinen avantgardistischen Kollegen habe er die Individualität der musikalischen Aussage vermisst.
Kopf kontra Bauch – Erwartung an zeitgenössische Komponisten

Wilfried Hiller wollte als Komponist seine eigene Sprache und Ideen umsetzen, und nicht der musikalischen Avantgarde folgen. | Bildquelle: Klaus Lipa
Hiller erinnert sich: „Musik durfte nicht schön sein, durfte nicht in den Bauch gehen und musste fast abstoßend sein, um anerkannt zu werden.“ Er habe auch zu hören bekommen: „Oh, dein Stück gefällt mir, also ist es mir schon suspekt.“ Sein späterer Verleger habe ihm davon abgeraten, für Kinder zu komponieren, weil er damit Gefahr laufe, als Komponist nicht ernst genommen zu werden.
Ich finde, und das lehre ich auch meine Studenten, Musik ist die sinnlichste von allen Künsten.
(Wilfried Hiller)
Lebensweg von Wilfried Hiller
Wilfried Hiller wurde am 15. März 1941 im schwäbischen Weißenhorn geboren. Wäre es nach seiner Mutter gegangen, wäre er eine „Wilfriede“ geworden, erzählt er. Sie habe sich nämlich ein Mädchen mit diesem Namen gewünscht. Seinen Vater hat er kaum gekannt. Der sei im Krieg in Russland gewesen und nur selten nach Hause gekommen.
Hiller beschreibt sich als ruhiges, aber neugieriges Kind. Während der Schulzeit sei er sehr krank geworden und ins Allgäu zur Erholung geschickt worden. Seine Mutter habe dann eine verrückte Idee umgesetzt: Zusammen mit seinem älteren Bruder ist sie mit dem Fahrrad von Ulm ins Allgäu gefahren. „Sie hat mir ein Handpuppentheater gebracht und ich hab dann für diese Handpuppen Theaterstücke geschrieben, allerdings noch ohne Musik“, erzählt er.
Erst Handpuppen, dann vielfältiges Musikstudium
Später kam Hiller in die Klosterschule St. Stephan nach Augsburg. In dieser Umgebung habe er sich nicht wohlgefühlt und sich immer mehr in die Musikzimmer zurückgezogen. Dort hat er geübt: Geige, Bratsche, auch Klavier und Orgel. Während der Schulzeit arbeitete er an „Die Räuber von Hiller“, ein Theaterstück mit Musik, zu dem er selbst das Libretto schrieb.
Danach studierte er am Augsburger Konservatorium Klavier und an der Münchner Musikhochschule neben Opernregie, Schlagzeug, Pauke und Musiktheorie auch Komposition. Das Schlagzeug sei prägend gewesen: „Ich wollte alles lernen, vor allem die exotischen Instrumente“, sagt er. Sein Lehrer, ein Paukist, nahm ihn in Konzerte und in die Oper mit. „So habe ich dann die Oper kennengelernt, aber von hinten, ich habe Bühnenmusik gemacht, also ‚Tosca‘, ‚Meistersinger‘ und ‚La Bohème‘. Das war unglaublich spannend“, erzählt er.
Wilfried Hiller: Lebens- und Bühnenbilder
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1968: Besprechung zu „Der Mann in der Flasche“ mit Herbert Seggelke u. Alastair | Bildquelle: privat
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1978: Mit Elisabet Woska, Schauspielerin und Ehefrau | Bildquelle: privat
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1978: Mit seinem Lehrer Carl Orff in Dießen am Ammersee | Bildquelle: privat
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1981: Mit Sohn Carl Amadeus | Bildquelle: privat
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1982: Im Garten … | Bildquelle: privat
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… der Villa Massimo – hier die ganze Familie Hiller | Bildquelle: privat
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1982: „Der Lindwurm und der Schmetterling“, Düsseldorfer Marionettentheater | Bildquelle: privat
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1983: Mit Michael Ende in der Villa Massimo … | Bildquelle: privat
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Ende und Hiller verband eine enge Freundschaft. | Bildquelle: privat
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Wilfried Hiller im Studio des Bayerischen Rundfunks | Bildquelle: privat
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1996: Mit Frau Elisabet Woska | Bildquelle: privat
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1996: CD-Aufnahme „Der kleine blaue Bergsee“ mit Werner Seitzer (Dirigent) und Elisabet Woska (Erzählerin) im Bayerischen Rundfunk | Bildquelle: privat
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1997: Szene aus „Der kleine blaue Bergsee“ am Theater in Trier | Bildquelle: privat
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2001: Mit Schriftsteller Rudolf Herfurtner | Bildquelle: privat
Orff als Lehrer: unbefangener Umgang mit Musik
Bei Günter Bialas, der der Darmstädter Schule nahestand, lernte er Kompositionstechnik. Hiller erinnert sich an durchaus schwierige Gespräche: „Ich hatte einmal eine Terz geschrieben. Da sagte er: Um Gottes Willen, Sie schreiben hier eine Terz, das ist verboten. Und ich: Aber es handelt sich hier um ein Liebeslied, da kann ich keine große Septime schreiben. Worauf er sagte: Man schreibt auch heute keine Liebeslieder mehr.“
Und so äußerte Hiller sich glücklich, 1968 auf Anraten von Olivier Messiaen als Privatschüler an Carl Orff zu geraten – und damit in einen Strom entgegen dem Zeitgeist. Orff arbeitete mit ihm zwölf Jahre intensiv zusammen und lehrte ihn, unbefangen mit allen Musikstilen umzugehen. Er öffnete seinem Schüler den Blick für Musik aus allen Richtungen – ob Miles Davis, die Comedian Harmonists, Don Ellis und dessen Bigbandmusik, aber auch das japanische No-Theater, die Peking-Oper oder afrikanische Musik. Orff habe ihm die Haltung vermittelt, „dass ein Komponist wissen muss, was um ihn herum geschieht. Er muss aber auch wissen, ob das sein Weg ist oder nicht.“
Und so kann Hiller auch Musik etwas abgewinnen, die sein Hochschulprofessor als Kitsch angesehen hätte, etwa Olivier Messiaens Oper „Saint François d’Assise“. Hiller sagt: „Ich finde, wenn man etwas ganz, ganz ehrlich meint und es auch so musikalisch ausdrückt, ist es kein Kitsch.“
Wilfried Hiller: Video-Porträt „Vom Klang der Sterne“
Bildquelle: © Astrid Ackermann
Hiller schreibt vor allem für die Bühne: Märchen, Sagen und Mythen
In erster Linie komponiert Hiller für die Bühne. Für Kinder setzt er Fabeln und Märchen in Töne, für Erwachsene eher Sagen, geschichtliche sowie alttestamentarische Themen. Seine Bühnenmusik ist meist auf bestimmte Personen zugeschnitten. So entstand für seine Frau, die 2013 gestorbene Schauspielerin Elisabet Woska, das Monodram „An diesem heutigen Tage“ über die letzte Stunde der Maria Stuart vor der Hinrichtung. Für den Tenor Lorenz Fehenberger schrieb Hiller das Monodram „Ijob“, für den Klarinettisten Giora Feidman das Bühnenwerk „Der Rattenfänger“ und für den Bariton Bernd Weikl die Künstleroper „Wolkenstein“.
Hiller sagt über seinen Stil: „Ich schreibe eigentlich nur für mich. Ich schreibe das, was ich für richtig halte. Und wenn es den Leuten gefällt, dann ist es wunderbar. Wenn es ihnen nicht gefällt, dann kann man eben nichts machen.“
Inspiration und Kooperationen
Wilfried Hiller faszinieren Astronomie und Frauen, so erzählt er es. Astronomie habe er in Griechenland für sich entdeckt, beim Blick in den Sternenhimmel. Über Frauen sagt Hiller: „Ich glaube, das weibliche Geschlecht ist das Beste, was Gott jemals erschaffen hat.“ Deshalb spielten Frauen in seinen Stücken eine zentrale und positive Rolle. Seine eigene Frau Elisabet Woska habe er in der Kantine der Bayerischen Staatsoper kennengelernt. Sie habe ihn angesprochen mit den Worten: „Sind Sie der Komponist, dem ein Ton eingefallen ist“, erinnert sich Hiller. Später arbeiteten sie als Team, auch mit ihrem Sohn zusammen.

Wilfried Hillers „Momo“ am Münchner Gärtnerplatztheater 2018 | Bildquelle: Christian POGO Zach
Auch mit dem Schriftsteller Michael Ende verband Hiller eine jahrelange intensive Arbeitsgemeinschaft und Freundschaft. Mit ihm realisierte er Werke wie die bayerische Mär „Der Goggolori“, „Das Traumfresserchen“ oder „Der Rattenfänger“. Später erarbeitete Hiller mit Herbert Asmodi „Die Geschichte vom kleinen blauen Bergsee und dem alten Adler“ und mit Rudolf Herfurther „Eduard auf dem Seil“, „Die Waldkinder“ und „Pinocchio“. Weitere literarische Vorlagen fand er bei Theodor Storm, Christian Morgenstern oder Wilhelm Busch. Aber auch Kammermusik, Solokonzerte, Chor- und Orchesterwerke gehören zu seinem umfangreichen Schaffen. Zu Hillers neueren Werken zählt die Schauspielmusik „Das Salzburger Spiel vom verlorenen Sohn“ und das 2015 uraufgeführte Musiktheaterstück „Eine Geschichte sucht ihren Autor“ nach Tankred Dorst.
Wilfried Hiller: auch in anderen Bereichen kreativ
Das Komponieren konnte Wilfried Hiller mit anderen Tätigkeiten vereinbaren: Ab 1971 war er 35 Jahre lang Musikredakteur beim Bayerischen Rundfunk und stellte in dieser Zeit rund 21.000 Sendungen zusammen. 1968 gründete er die Konzertreihe „musik unserer zeit“, woraus später die von ihm betreuten legendären „Münchner Musiknächte“ hervorgingen. Außerdem übernahm er Aufgaben als Kompositionslehrer am Richard-Strauss-Konservatorium in München und als Präsident des Bayerischen Musikrats. Komponieren, sagt er, ist für ihn wie der Herzschlag.
Im Video: Wilfried Hiller über seine Art, Geschichten zu erzählen
HILLER IM TALK: Wie man eine Geschichte erzählt – für Erwachsene
Autor des Textes: BR Klassik-Redaktion
Sendung: „Meine Musik“ (Wiederholung) am 14. März 2026 ab 11:05 Uhr und „con passione“ am 9. März 2026 um 19:03 Uhr auf BR Klassik

