Den Übersetzer Lutz W. Wolff und George Orwell verbindet eines: Sie haben beide mal für die BBC gearbeitet. Orwell für den Eastern Service, Wolff für den Deutschen Dienst der British Broadcasting Corporation. Am Eingang dieser BBC steht heute ein Orwell-Denkmal. Darauf zu lesen ist das Orwell-Zitat: „Wenn Freiheit irgendetwas bedeutet, dann das Recht, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Dieser Satz fußt auf eigenen Erlebnissen, erzählt der 82-jährige Lutz W. Wolff. Denn Orwell war als Journalist sein Leben lang ein Künder unbequemer, unliebsamer Wahrheiten: „Und das hat ihn sicherlich stark motiviert, auf Meinungsfreiheit zu bestehen.“
Als Reporter im Spanischen Bürgerkrieg hatte Orwell die bittere Erfahrung machen müssen, dass man in Großbritannien das, was er erlebt und aufgeschrieben hatte, nicht drucken und senden wollte. Beim linken Wochenblatt „Tribune“ fand er schließlich einen Platz als Redakteur: 1943, im Geburtsjahr von Lutz W. Wolff. „As I please“, „Wie es mir gefällt“ hieß Orwells Kolumne dort. Seine Texte erreichen – mit zwei Ausnahmen, die bereits 1975 im Orwell-Band „Rache ist sauer“ erschienen sind – nun erstmals eine deutsche Leserschaft.
Rede- und Meinungsfreiheit als Hauptthema
Sie kommen gerade zur rechten Zeit, ist doch das Thema „Meinungsfreiheit“ heutzutage hierzulande ein viel diskutiertes. So kommen derzeit „aus Amerika Vorwürfe, dass nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa von einer Einschränkung der Meinungsfreiheit befallen sei“, sagt Lutz W. Wolff.
Man wüsste gern, was der ewige Widerborst George Orwell dazu gesagt hätte. Er, den seinerzeit in den 1940er-Jahren die Rede- und Meinungsfreiheit umtrieb wie kein anderes Thema in seinen Kolumnen. Als radikaler Verfechter dieser geistigen Liberalität war er zutiefst überzeugt, dass sich auch abseitige „außenseiterische Meinungen entfalten“ können müssen – so wie im „Sanktuarium“ der Speaker’s Corner im Londoner Hyde Park. „Niemand hat Angst, seine ehrliche Meinung zu sagen, im Bus oder Pub oder sonst wo.“ So lautete der ihm heilige Grundsatz.
Die Kontroverse mit dem politischen Gegner zu scheuen, ihn am besten gar nicht zu Wort kommen zu lassen und also aus dem gesellschaftlichen Meinungsstreit auszuschließen, das lehnte Orwell vehement ab. Er stürzte sich mit Lust in jedes argumentative Gefecht. Auch mit seiner Leserschaft, die dem streitbaren Kolumnisten oft wütende Schmähbriefe schrieb, weil sie völlig anderer Auffassung als er selbst war – beispielsweise in der uns sehr vertraut vorkommenden Frage nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht, damals in Großbritannien ein großes Thema.
George Orwell schwieg nie aus Angst
Bei der Lektüre kann man fast den Eindruck gewinnen, er brauchte den Gegenwind. „Er war sich sicherlich bewusst, dass es verschiedene Wahrheiten gibt, und andere Leute andere Wahrheiten kennen, und die Auseinandersetzung, sagt er, das ist das Entscheidende für eine freie Gesellschaft“, sagt der Übersetzer Lutz W. Wolff.
George Orwell schwieg nie aus Angst, dass das, was er aufdeckte, womöglich denen in die Hände spielen könnte, die er bekämpfte. „Um eine einfache, starke Sprache zu schreiben, muss man furchtlos denken“, formulierte er mal in einer seiner Kolumnen. Genau das macht sein publizistisches Werk gerade heute für viele so gegenwärtig, sagt Lutz W. Wolff. „Orwell wird von verschiedenen Seiten verschieden gelesen. Das macht seinen Reiz aus und deshalb ist er auch aktuell geblieben. Er hat selbst gesagt: Rein gefühlsmäßig bin ich nach wie vor links, aber ich glaube, ein Schriftsteller kann nur dann ehrlich bleiben, wenn er frei von Parteibezeichnungen ist.“

