Die Schriftstellerin Anne Rabe, Musiker Moby, die SPD, die Grünen und Die Linke haben etwas gemeinsam: Sie alle haben die Plattform X verlassen. Und sie sind nicht die einzigen. Seit Elon Musk 2022 Twitter gekauft und in X umbenannt hat, hat sich die Plattform verändert.
Viele erleben sie nicht mehr als Ort für freie Meinungsäußerung, sondern als toxisch. Als Ort voller Hassrede, Verschwörungserzählungen und Rechtsextremismus. An X und anderen sozialen Netzwerken stört viele noch etwas, sagt Jan Rau, der am Leibniz-Institut für Medienforschung unter anderem zu Echokammern und rechten Bewegungen im Netz forscht.
Die Funktionsweise großer sozialer Netzwerke fördere Inhalte, die negativ emotionalisierend und auf Streit aus seien. „Das ist natürlich eine Art des Miteinanders, die nicht schön ist, sondern auch sehr viel Energie, sehr viel Kraft kosten kann“, sagt Rau.
Warum es europäische soziale Netzwerke braucht
Für diejenigen, die X verlassen haben, gibt es seit diesem Jahr eine neue Alternative: die europäische Plattform W Social. Seit Mitte Juni läuft die Beta-Version des Kurznachrichtendiensts. Interessierte können sich auf eine Warteliste setzen lassen und bekommen nach ein paar Tagen bis Wochen Zugang. Kommenden Januar soll W Social für alle direkt freigeschaltet werden.
„Gerade in Zeiten von geopolitischen Anspannungen ist es, glaube ich, gut, dass Europa eigene Infrastruktur hat“, sagt die CEO von W Social, Anna Zeiter.
Echte Menschen statt Bots
W Social will einiges anders machen als die großen Tech-Konzerne aus den USA und China. Das Versprechen: mehr Datenschutz, weniger Hass und Desinformation. Und keine Bots.
Vor allem, wenn Wahlen in Europa anstünden, sei es wichtig, „dass wir keine Einflussnahme von ausländischen Mächten in Europa haben, die die öffentliche Meinungsbildung in Europa beeinflussen wollen durch AI-Bots“, sagt Zeiter.
Nutzer müssen sich verifizieren
Nutzer müssen sich deshalb mit ihrem Personalausweis verifizieren. W Social versichert, dass diese Daten nach der Verifikation direkt gelöscht werden. Aus den Passdaten werde lediglich ein Token erstellt. So kann sich jede Person nur einmal anmelden. Eine Klarnamenpflicht gibt es nicht.
Sind persönliche Daten bei europäischen Plattformen generell sicherer? Nicht unbedingt, sagt Rau. Es komme auf die Umsetzung an, denn auch Daten, die auf europäischen Servern und mit europäischer Software gespeichert würden, könnten schlecht geschützt oder übermäßig erhoben worden sein.
Echte Konkurrenz zu X?
W Social ist nicht die erste Plattform, die versucht, etablierte soziale Netzwerke abzulösen. Mit Mastodon und Bluesky gab es bereits Versuche, Alternativen anzubieten. X als Plattform abzulösen, ist jedoch nicht gelungen. Kann das überhaupt klappen? „Wir bräuchten ein gesamtgesellschaftliches Momentum“, sagt Rau. Es brauche Unterstützung für neue europäische Plattformen, auch von staatlicher Seite, Forschungsprojekte und natürlich Nutzende, die motiviert sind zu wechseln. Dafür reiche Technik allein nicht.
„Einen großen Unterschied kann es machen, wenn staatliche Stellen ihre Kommunikation zumindest in Teilen verlagern. Natürlich aber auch, wenn es geschafft werden kann, dass Menschen, die große Reichweiten haben, auf die Plattformen ziehen“. Denn neben der Technologie und dem rechtlichen Rahmen brauche es auch Content, der attraktiv ist für Nutzende.
Am Ende ist W Social ein Unternehmen, das profitabel sein will. Es soll irgendwann auch Werbung auf der Plattform geben.
Weltweite Nachfrage nach Alternativen zu X
Im W Social-Feed begegnen Usern aktuell vor allem politische News und Nachrichten von Medienhäusern. Gefiltert werden kann nach der eigenen Region oder nach weltweiten Trendthemen. Was zum Teil noch fehlt, sind große Namen: Popstars, Sportler oder auch Intellektuelle wie einst auf Twitter.
Anna Zeiters Bilanz nach den ersten Wochen: „Worüber ich positiv überrascht bin, ist die Qualität der Community. Die Leute sind freundlich, sie sind zivilisiert, sie hören einander zu.“
User scheinen sich diese andere Art der Online-Kommunikation zu wünschen, ohne Bots und mit strengerer Moderation. Doch lässt sich dieser Standard halten, wenn die Nutzerzahlen steigen? Zeiter glaubt, dass W Social gerade jetzt einen Nerv trifft, auch über Europa hinaus: Auf der Warteliste stehen Menschen aus mehr als 180 Ländern.

