Kundgebungen, Betriebsversammlungen, „mutige Mittagspausen“ und Autokorsos: Insgesamt 280 Aktionen hatte die Gewerkschaft IG Metall heute deutschlandweit angekündigt. 50 davon in Bayern. Der Vorwurf: Die deutsche Autoindustrie hat den Umstieg verschlafen. Die Beschäftigten litten darunter – sollten künftig wieder länger arbeiten, einigen drohe sogar der Jobverlust. Das schreibt die IG Metall in ihrem Protestaufruf. Was fordern Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer?
Audi-Beschäftigte wollen mehr Transparenz
Mit Fahnen, Trillerpfeifen und Plakaten zogen am Mittag die rund 5.000 Teilnehmer in einer Protestkundgebung vor die Werkstore in Ingolstadt. Anschließend kamen sie, wie bei Audi in Neckarsulm, zu einer Betriebsrats-Sprechstunde zusammen. Die Stimmung ist angespannt, die Lage im VW-Konzern unklar.
Die Forderungen des Betriebsrats sind deutlich: Sie wollen mehr Transparenz über die Zukunftspläne und Perspektiven für den Standort. „Wir haben das Recht zu erfahren, wie ernst die Lage tatsächlich ist“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Jörg Schlagbauer in seiner Rede. Die Beschäftigten hätten die Krise nicht verursacht und sollten deshalb auch nicht dafür bezahlen müssen.
Ziel: Audi wettbewerbsfähiger machen
Von Seiten des Unternehmens heißt es: „Audi wird seine Organisation weiter verschlanken, Doppelarbeit reduzieren und Automatisierung und Künstliche Intelligenz konsequenter nutzen.“ Zudem wolle der Vorstand zeitnah Gespräche mit den Arbeitnehmervertretungen aufnehmen. Sowohl das Werk in Neckarsulm als auch das in Ingolstadt sind nicht ausgelastet. In Neckarsulm sind rund 15.000 Menschen direkt bei Audi beschäftigt, in Ingolstadt knapp 40.000.
Nürnberger Bosch-Werk vor dem Aus?
Vor dem Nürnberger Bosch-Werk versammelten sich rund 500 Beschäftigte des Standorts sowie Mitarbeitende anderer Unternehmen, etwa von MAN. Laut IG Metall droht bei Bosch ein „massiver Personalabbau“. In den nächsten Tagen erwartet die Gewerkschaft eine Entscheidung über den Standort. „Wir sind ein reines Verbrennerwerk und unsere Chefs sorgen halt nicht dafür, dass neue Produkte zu uns kommen“, so ein Bosch-Mitarbeiter bei der Kundgebung.
Auch Betriebsratschef Arne Brandsch fordert: „Wir brauchen einfach Ersatzprodukte“. Aktuell geht er davon aus, dass der Standort zwar erhalten bleibe, Bosch jedoch in Nürnberg viele Stellen abbaue, so Brandsch auf der Kundgebung.
Aktionen auch im Allgäu und Unterfranken
Auch am Allgäuer Bosch-Werk in Seifen trafen sich am Morgen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie protestierten gegen längere Arbeitszeiten und „veränderte Arbeitsbedingungen“. In Schweinfurt kamen Beschäftigte vor dem Werk des Automobilzulieferers ZF zusammen. Die Mitarbeitenden von Joyson Safety Systems in Aschaffenburg trafen sich zu einer „mutigen Mittagspause“. In München beteiligten sich Beschäftigte von BMW, MAN sowie weiteren Betrieben an einem Autokorso rund um das BMW-Werk.
Der Aktionstag findet unmittelbar vor der anstehenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie statt. Noch in dieser Woche beschließen die regionalen Tarifkommissionen ihre Forderungen. Am 7. Oktober beginnen die Verhandlungen.
Arbeitgeber weisen Schuld zurück: „Unverhältnismäßiger Tonfall“
Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie, kritisiert den „unverhältnismäßigen Tonfall“ der IG Metall zum Auftakt der Tarifrunde. Arbeitskosten machen ihm zufolge einen erheblichen Teil der Gesamtkosten aus und die seien sowohl im internationalen als auch im Branchenvergleich hoch. „Damit sind die Löhne der Beschäftigten ein wichtiger Standortfaktor, der auch darüber entscheidet, ob Zukunftsprodukte an heimischen oder ausländischen Standorten gefertigt werden“, sagt Brossardt.
Lage der Autoindustrie weiter schwierig
Die deutsche Automobilindustrie steht unter Druck: Die Konkurrenz aus China wächst, der Umstieg auf die Elektromobilität belastet viele Unternehmen, hinzu kommen Handelskonflikte, etwa Zölle in den USA. Das führt zu anhaltendem Spardruck bei den Betrieben. Die Automobilindustrie zählt zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Deutschlands. Mit einem Branchenumsatz von rund 564 Milliarden Euro ist sie nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums der umsatzstärkste Industriezweig des Landes.

