Steigende Energiekosten, teurere Lebensmittel – plötzlich reichen Gehalt oder Rente nicht mehr. Wenn dann noch unerwartete Ausgaben dazukommen, rutscht der Kontostand schnell ins Minus. Was tun, wenn einem die Schulden über den Kopf wachsen?
Die 31-jährige Mia ist überschuldet. Große Hoffnungen setzt sie auf einen Termin bei der kostenlosen Haushalts-Budget-Beratung beim Fit-Finanztraining der Stadt München. Andrea Weber von Fit-Finanztraining analysiert die Einnahmen und Ausgaben. Dazu muss Mia ihre finanzielle Situation offenlegen. Ihre Schulden entstanden vor allem durch den Kauf von Kleidung und anderen Konsumgütern, berichtet Mia. Dabei nutzte sie auch die Option, erst später bezahlen zu müssen. „Das hat sich dann irgendwann so hoch summiert, dass ich gemerkt habe, das geht nicht mehr.“ Mia ist gelernte Schreinerin, hat dann in München ein Studium aufgenommen. Plötzlich ohne festes Einkommen verlor sie nach und nach den Überblick über ihre Ausgaben.
Ratenzahlung kann zur Schuldenfalle werden
„Die Gefahr des Online-Shoppens oder auch des Jetzt-Kaufen-Später-Bezahlens ist, den Überblick zu verlieren über die Raten, die man dann zahlen muss“, sagt Weber. 3.000 bis 4.000 Euro Schulden hatte Mia bei Klarna und Paypal. Inzwischen hat sie sich schon deutlich herausgearbeitet: „Bei Paypal habe ich gar keine Schulden mehr und Klarna sind es jetzt noch 500 und in zwei Monaten ist es vorbei. Da habe ich wirklich hart daran gearbeitet und es zum Glück geschafft“, ist Mia erleichtert.
Vor allem Ratenangebote können zur Schuldenfalle werden, wenn die Käufer den Überblick über ihre Ausgaben verlieren. Doch die Gründe für die Zunahme der Überschuldung sind vielfältig und sie betreffen inzwischen immer mehr Menschen aus der Mittelschicht.
Schuldnerberatung empfiehlt Privatinsolvenz
Auch private Krisen können dazu beitragen, dass sich Schulden anhäufen. Wie bei Marko aus Ägypten. Der 39-Jährige hat viel durchgemacht: eine Krebserkrankung, den Verlust seiner Arbeit. Dann konnte er einen laufenden Kredit nicht zurückzahlen. Seine Schulden belaufen sich auf über 30.000 Euro.
Sein letzter Ausweg: die Schuldnerberatung der Stadt München. Die Nachfrage nach Terminen ist groß, die Wartezeit kann bis zu 60 Tage betragen. Rano Lübke berät dort überschuldete Menschen: „Ich erlebe bei unseren Ratsuchenden, dass die Leute am Anfang natürlich Schamgefühle haben.“ Sie hätten oft Angst vor Gläubigern und drohenden Inkassobriefen.
Im Fall Marko hat sie eine Privatinsolvenz empfohlen, die drei Jahre dauert. Nach dem Insolvenzantrag und wenn sie die Restschuldbefreiung bekämen, seien die Menschen sehr erleichtert, so Lübke. „Ich habe alles geändert, ich werde überhaupt keine Kredite mehr nehmen. Ich werde keine Kreditkarte haben. Solche Sachen braucht man überhaupt nicht“, sagt Marko.
Knappe Rente, hohe Schulden
Gerade wer im Niedriglohnsektor arbeitet, kann schnell in finanzielle Notlagen geraten. 45 Jahre hat Horst als Lkw-Fahrer gearbeitet und mit seinem Lohn die Familie ernährt. Durch familiäre Schwierigkeiten mussten er und seine Frau sich stark verschulden. Mit der knappen Rente können sie die Schulden nicht zurückzahlen. Die Schuldnerberatung Freising riet ihnen zu einer Privatinsolvenz, die seit ein paar Wochen läuft. Dass sie in ihrem günstigen Haus wohnen bleiben dürfen, ihr Auto behalten und über einen monatlichen Pfändungsfreibetrag verfügen dürfen, gibt ihnen Sicherheit.
Zurück zu Mia und ihrem Finanztraining in München. Der Schritt, hin zu einer Beratung, hatte sie Überwindung gekostet. „Es hat mich so erleichtert, zu wissen, dass es jemanden gibt, der einem helfen kann. Man ist nicht alleine damit.“ Mia führt über jede Ausgabe Buch. Eine Privatinsolvenz braucht sie nicht, sie kann aus eigener Kraft ihre Schulden zurückbezahlen.

